Fremde Wildnis ist der, ab 10 zu Empfehlende vierte Band der Woodwalkers Reihe von Katja Brandis. Der Vorgänger ist Band 3: Hollys Geheimnis und der Nachfolger Band 5: Feindliche Spuren. Auf dem Cover ist Brandon zu sehen.




Klappentext[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Traum wird wahr! Carag, Holly, Brandon und Co reisen zu einem Schüleraustausch nach Costa Rica. Doch hier warten nicht nur liebenswerte Brüllaffen, geheimnisvolle Schnappschildkröten und turbulente Regenwaldausflüge auf die Schüler der Clearwater High. Von Jaguarwandler King erfahren sie, dass der gefährliche Andrew Milling auch in Mittelamerika sein Unwesen treibt.

Leseprobe:[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Achtung, Verwandlung![Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Ihr wisst, was ihr zu tun habt?“ Lissa Clearwater blickte mich forschend an.

„Ja, bekommen wir schon hin“, antwortete ich und fummelte an meinem brandneuen schwarzen Sweatshirt mit dem hellgrün-weißen Schullogo herum, damit es auch richtig saß. Hatte ich es tatsächlich geschafft, beim Frühstück Eigelb daraufzukleckern?

„Na dann, viel Spaß euch beiden!“, meinte unsere Schulleiterin, nickte uns aufmunternd zu und ging zurück ins Schulgebäude.

Ihr beide … das bezog sich auf das Mädchen, das neben mir stand und so wie ich die Aufgabe hatte, die eingeweihten Eltern zu begrüßen und ihre Fragen zu beantworten. Nicht irgendein Mädchen, ich war ausgerechnet mit Lou eingeteilt. Lou Ellwood, das schönste Wapiti-Mädchen der Welt, Lou mit den langen dunklen Haaren und den klugen, heiteren Augen. Ein bisschen schüchtern lächelte sie mich an, dann hielt sie wieder Ausschau nach den ersten Besuchern. Wir hatten jede Menge für sie vorbereitet, die ganze Woche lang hatten wir geprobt und an der Dekoration gearbeitet.

Ich genoss das Gefühl, als blonder Junge mit grüngoldenen Augen neben Lou zu stehen, und beobachtete neugierig, wie nach und nach mehrere Autos auf dem Rasenplatz neben der Schule parkten. Die aussteigenden Eltern sahen trügerisch wie normale Menschen aus, nur ihre Bewegungen wirkten weicher, geschmeidiger. Andere Besucher hatten auf Verkehrsmittel verzichtet – ein Otter galoppierte auf seinen kurzen Beinen über die Wiese neben der Schule, aus dem Wald schwebten zielstrebig zwei Elstern heran und ein Pärchen Weißwedelhirsche stakste unbekümmert zwischen den eintreffenden Menschen umher, die Platten und Schüsseln fürs Buffet trugen.

Lou und ich tauschten noch einen schnellen, fröhlichen Blick, dann setzten wir unser Begrüßungslächeln auf. „Herzlich willkommen an der Clearwater High!“, wiederholten wir wieder und wieder, während Woodwalker aller Größen und Gestalten an uns vorbeiströmten. „Dort vorne ist der Plan, in welchem Raum welche Aktionen stattfinden, die nächste Schau der Fliegerstaffel findet um 15 Uhr statt …“

Oh, das ist aber nett, dass ihr uns begrüßt! Der Otter richtete sich vor mir auf die Hinterbeine auf, seine munteren blanken Augen betrachteten mich. Könnt ihr mir sagen, wo mein Sohn Frankie sich gerade herumtreibt?

Ah, das war also Frankies alleinerziehende Mutter! Ich zog eine Liste aus meiner hinteren Jeanstasche. Er ist gerade bei seinem Snake-River-Modell im Klassenraum 8, gab ich zur Auskunft. Später ist er am Buffet eingeteilt und bietet bestimmt allen seine berühmten Lachsröllchen an.

Mein Rezept!, erwiderte die Otterdame stolz, stupste mir dankend mit der Nase ans Bein und lief durch die offen stehenden Eingangstüren nach drinnen.

Gespannt hielt ich Ausschau nach Brandons Eltern, aber ich sah niemanden, der vom Aussehen und der Witterung her gepasst hätte.

Lou quiekte auf und taumelte erschrocken zurück, als etwas von oben auf ihr landete. Bevor ich ganz begriffen hatte, was ich tat, war ich schon mit teilverwandeltem Gebiss an ihrer Seite. Lou machte mir hektische Zeichen, schnellstens etwas an meinen Zähnen zu ändern, dann verrenkte sie sich fast den Hals, als sie versuchte, den beiden Opossums zuzulächeln, die ihr auf dem Kopf und einer Schulter hockten. Herzlich willkommen, ihr seid bestimmt die Eltern von Cookie. Nur hereinspaziert!

Hallihallo! Habt ihr zufällig ein paar Klamotten für uns? Falls wir uns verwandeln wollen, während wir hier sind? Eins der Opossums, das auf ihrem Kopf, schaute ihr von oben vergnügt in die Augen.

Aber natürlich, Sie bekommen Leih-Kleidung bei Mrs Parker in der Bibliothek, gab Lou freundlich Auskunft, während ich mit heißem und wahrscheinlich knallrotem Kopf dafür sorgte, dass meine Fangzähne wieder verschwanden.

„Wolltest du mich verteidigen? Sehr lieb von dir, aber das musst du wirklich nicht“, flüsterte Lou mir zu, während sie weiteren Gästen zulächelte.

Eine große, stämmige, nicht sonderlich hübsche Frau, die ihre schlichte Kleidung mit einem Seidentuch und einer Edelsteinbrosche geschmückt hatte, kam leicht hinkend auf uns zu. Vielleicht eine Bärin, überlegte ich, doch dann rief Lou ihr entgegen: „Mama! Hallo, hier bin ich!“

Verblüfft glotzte ich die Frau an. Das war die Mutter des schönsten Wapiti-Mädchens der Welt? Mir fiel ein, dass sie dieses Hinken einem Berglöwen-Angriff verdankte, und mein Magen sackte in die Tiefe.

Mrs Ellwood winkte ihrer Tochter fröhlich zu … doch dann schien sie zu spüren, wer oder was ich war, und das Lächeln rutschte ihr aus dem Gesicht. Auch Lou wirkte etwas verkrampft, als sie sagte: „Mama, das ist Carag aus meiner Klasse. Er ist echt nett.“

Echt nett? Das ging mir runter wie das feinste Filetsteak.

„Ah ja“, sagte Lous Mutter steif und musterte mich von oben bis unten. Das war wohl der erste und einzige Moment, in dem ein Berglöwe gerne vor einem Wapiti geflüchtet wäre. Obwohl – ihrem Mann, unserem Verwandlungslehrer, wäre ich auch oft gerne aus dem Weg gegangen.

„Schön, dich kennenzulernen“, fuhr Mrs Ellwood fort, doch sie konnte nicht sehr gut lügen. Ich war froh, als sie weiterging und ich die anderen Gäste begrüßen konnte. Hoffentlich kam bald unsere Ablösung! Aus meinem Begrüßungslächeln war inzwischen eine Grimasse nach der Art geworden, über die ich mich zu Anfang in Menschenzeitschriften gewundert hatte. Aber Anna, meine Pflegemutter, hatte mir erklärt, dass diese Promis auf den Bildern nicht wirklich angriffslustig die Zähne fletschten.

Ein schwarzhaariges Ehepaar, das eine lederne, mit Perlen bestickte Stammestracht und dazu Baseballmützen und Trekkingstiefel trug, baute sich vor mir auf. Der Mann war etwas kleiner als ich, aber solide und muskulös gebaut, er wirkte ernst und würdevoll. „Bist du Carag?“, fragte er mich und ich nickte etwas überrumpelt. Wer war das und woher kannten sie mich?

„Edwin und Merana Blue Cloud“, stellte der Mann sich und seine Frau vor, und als ich den Anhänger mit dem Wolfspfoten-Abdruck um seinen Hals sah, wusste ich Bescheid. „Tikaani hat schon viel von dir erzählt.“

„Im Ernst?“, fragte ich verblüfft und in den schwarzen Augen von Tikaanis Mutter schimmerte ein verschmitzter Funke. „O ja – erst nichts Gutes, du hättest sie mal schimpfen hören sollen. Aber inzwischen …“

„Mama!“ Jemand war neben mir aufgetaucht. Tikaani, die pünktlich vor Ort war, um uns an der Tür abzulösen. Ich hatte sie vorher noch nie rot werden sehen, aber jetzt war es so weit. Haha, ich hatte nicht mal gewusst, dass sie das konnte.

„Alles gut, Schatz – wir schauen uns einfach mal um“, sagte ihr Vater gut gelaunt. „Bis später.“ Dann schlenderten die beiden Wolfs-Wandler ins Innere der Schule.

„Sag mal, was genau hast du ihnen über mich erzählt?“, fragte ich Tikaani, und Lou spitzte neugierig die Ohren, aber die weiße Wölfin warf uns nur einen ihrer gewohnten finsteren Blicke zu und sagte: „Habt ihr Nell gesehen? Die ist mit mir hier eingeteilt. Mäuse haben einfach kein Zeitgefühl!“

„Haben sie wohl“, sagte Nell spitz, als sie sich zu unserer Gruppe gesellte.

Lou und ich überließen sie ihrer Arbeit und schauten uns noch einen Moment lang die Flugvorführung an – wir hatten mehrere Greifvogel-Wandler an der Schule, außerdem eine Elster und die beiden Rabenzwillinge.

„Wow, das sieht gefährlich aus“, meinte Lou, als unsere Mitschüler nach dem Formationsflug auch ein paar Luftkämpfe und waghalsige Sturzflüge zeigten.

„Ach, das haben die doch die ganze Woche geübt“, meinte ich, während ein Falke, ein Adler und eine Eule bei einer inszenierten Verfolgungsjagd dicht über das Publikum hinwegjagten. Dann verabschiedete ich mich von Lou und drängte mich durch das Wandler-Gewimmel im Schulgebäude in Richtung Kampfraum, dort war ich bald für die Vorführungen eingeplant.

Heute war wirklich unglaublich viel los in der Clearwater High! Vom Buffet wehten mir Düfte von Frikadellen, Käseplätzchen, Pizza und … uäh! … Gemüsekuchen entgegen. In jedem Klassenraum waren Stationen aufgebaut worden und in der Aula lief schon ein kurzes Theaterstück, in dem Jeffreys Rudel und Viola das Märchen vom Wolf und den kleinen Geißlein aufführten, eingeübt von unserer Kunst- und Sei-dein-Tier-Lehrerin Mrs Parker. Nur waren diesmal die Rollen vertauscht, weil wir an der Schule nur eine Ziegen-Wandlerin hatten und dafür ziemlich viele Wölfe. Aber als Geschichte von der bösen Ziege und den drei kleinen Wölfchen war das Stück sowieso viel lustiger, und unser Jungwolf Miro war superstolz darauf, dass er mitspielen durfte.

Nur Jeffrey – in seiner Zweigestalt als dunkelgrauer Timberwolf – wirkte nicht ganz glücklich mit seiner Rolle. Er trug ein Lätzchen um den Hals und Söckchen an den Pfoten.

„Bravo, der reinste Filmstar“, rief ich ihm am Schluss zu und klatschte begeistert. Jeffrey zog die Lefzen hoch und knurrte. Doch nicht das war es, was mir einen kalten Schauer über den Rücken jagte. Sondern sein kalter Blick und der Gedanke, dass Jeffrey ein Spion von Andrew Milling in dieser Schule war. Alles, was ich hier tat, meldete er garantiert weiter, und wer wusste, wie Jeffreys Leute Milling noch unterstützen würden? Zwar hatte Miss Clearwater ein ernsthaftes Wörtchen mit den Wölfen geredet, aber ich hatte nicht den Eindruck, dass es etwas geholfen hatte.

Im Innenhof hatte Mr Bridger seine Verhalten-in-besonderen-Fällen-Station, bei der Holly als Helferin eingeteilt war. Hier wurde viel gelacht, denn Mr Bridger hatte ein lehrreiches Rollenspiel vorbereitet: Jeweils ein Woodwalker-Elternteil spielte ein wildes Tier und ein paar andere Leute, darunter Holly, gaben die nervigen Yellowstone-Touristen. „Ich geh noch näher ran, dann wird mein Foto besser!“, rief Holly gerade und näherte sich Leroys Skunk-Vater mit gezückter Kamera.

„Hallo, du kleines Stinketierchen, magst du was fressen?“ Unser Katzen-Wandler Dorian tat, als versuche er, Leroys Vater mit Chips zu füttern. Doch der schaffte es, die Nerven zu behalten und sich richtig zu verhalten, nämlich für ein einzelnes Foto zu posieren und sich dann langsam zurückzuziehen.

Noch zehn Minuten, bis ich mich für meine Vorführung umziehen musste. Genug Zeit, mich weiter umzuschauen. In Klassenraum 3 konnten sich Eltern von Mr Ellwood Nachhilfe in Verwandlung geben lassen. Mehrere Woodwalker hatten das Angebot angenommen und übten fleißig. Von der geöffneten Tür aus schaute ich einen Moment lang zu. Gerade mühte sich Bertas rundlicher Vater, in seine zweite Gestalt zu gelangen, aber der Erfolg war bisher nur, dass er zu seinem menschlichen Oberkörper einen braunen, pelzigen Grizzly-Hintern vorweisen konnte.

„Hm, ob ich so noch auf ein Klo draufpasse?“, brummte Bertas Vater skeptisch.

„Keine Panik.“ Mit Anfängern war Mr Ellwood – wie so oft im makellos gebügelten braunen Anzug – immer sehr geduldig. „Konzentrieren Sie sich auf das Kribbeln, das Sie spüren, wenn Sie an Ihre Bärengestalt denken. Sie spüren es doch, oder?“

„Ja, äh, aber ich dachte, das sind vielleicht Flöhe.“ Bertas Vater kratzte sich verstohlen an einem Teil seines Körpers, den normalerweise die Hose verbarg.

„Entschuldigung?“ Plötzlich stand ein fremdes Ehepaar neben mir in der Tür: die Frau im Kleid und mit hochhackigen Schuhen, das lockige braune Haar perfekt frisiert, der breitschultrige Mann mit Jackett und Schlips. Sie wirkten, als würden sie sich unwohl fühlen. „Wir suchen Brandon Herschel … haben Sie ihn zufällig gesehen?“

Brandons Eltern! Neugierig musterte ich sie von der Seite. Brandon hatte mir erzählt, dass sein Vater Anwalt war und seine Mutter einen Beauty-Salon führte. Nein, man sah ihnen den Bison überhaupt nicht an. Aber ich spürte, dass sie Woodwalker waren, und zwar beide. Wie schade, dass sie das nicht wahrhaben wollten!

„Nur herein, nur herein“, sagte Mr Ellwood freundlich. „Hier bekommen Sie Unterstützung bei der Verwandlung.“

Die Herschels blickten drein, als hätte er ihnen zum Frühstück einen Teller lebender Kakerlaken angeboten. „Ach nein, vielen Dank, aber wir müssen weiter, wir …“

Eulendreck! Wenn sie schon hier waren, dann sollten sie sich auch mal verwandeln – vielleicht brachten sie dann mehr Verständnis für ihren Sohn auf!

Ich tat so, als würde ich stolpern, und sagte „Oh, sorry!“, während ich gleichzeitig mit einem kleinen Schubs von hinten nachhalf. Schon waren sie drin im Klassenzimmer, und Mr Ellwood winkte sie näher, während er in seinem Materialschrank kramte. „Moment … ah, hier habe ich es! Gründlich hinschauen, als wollten Sie darin eintauchen, ja?“ Ellwood hielt ihnen ein Bison-Bild vor die Nase.

Der Effekt ließ nicht lange auf sich warten – Knack! machte es, als zwei hochhackige Schuhe unter Hufen abknickten, Peng!, als eine wollige Flanke eine Schautafel aus dem Weg rammte.

Bitte achten Sie darauf, wo Sie hintreten!, hörte ich eine Stimme aus der Richtung des Fußbodens und zwei Spinnen liefen hastig einen Arbeitstisch hoch. Ah, auch Juanitas Verwandtschaft war angereist.

O nein, so passe ich doch nie im Leben in meine Tennisklamotten!, jammerte Brandons Mutter und schaute mit großen braunen Büffelaugen an ihrem nun eher kräftigen als eleganten Körper herab.

„Ich fürchte, das ist richtig, meine Liebe“, versicherte ihr Gatte und befühlte mit beunruhigtem Gesichtsausdruck die beiden Hörner, die ihm aus dem Menschenkopf gesprossen waren. Dann warf er Isidore Ellwood einen Blick zu, der Blumen auf der Stelle verdorrt hätte. „Sie da – wie machen wir das wieder rückgängig?“

„Schließen Sie die Augen und spüren Sie noch einen Moment Ihre zweite Gestalt!“, erwiderte Ellwood ungerührt und malte ein Diagramm der einzelnen Verwandlungsschritte an die Tafel. „Schließlich ist sie ein wichtiger Teil von Ihnen.“

Fühlt sich doch gut an, so stark zu sein, oder? Bertas Vater hatte nun auch geschafft, seinen Oberkörper zu verwandeln. Er wühlte mit der Schnauze im Mülleimer, fischte eine Blechdose heraus und zerdrückte sie mühelos zwischen den Grizzly-Pranken. Das müssten meine Kumpels in Fairbanks mal sehen, der Hammer!

Brandons Vater schien seine Begeisterung nicht zu teilen. Er schnaubte wütend, sein Menschenfuß im braunen Lederschuh scharrte über den Boden des Klassenzimmers und sein Zeigefinger zielte auf Mr Ellwood. „Sie! Wenn Sie meiner Frau nicht sofort helfen, sich zurückzuverwandeln, verklage ich Sie wegen unterlassener …“

O je, war dieser Schubs vorhin ein Riesenfehler gewesen?

Manchmal hilft einem der Zufall. Auf dem Flur ging jemand mit gerösteten Maiskolben und frischem Klee für das Pflanzenfresser-Buffet entlang. Von einem Moment auf den anderen schien Mr Herschel zu vergessen, dass er eben noch jemanden hatte verklagen wollen. „Na ja, also gut. Komm, meine Liebe, holen wir uns erst mal etwas zu essen“, sagte er zu seiner Frau, hob ihre Kleidung vom Fußboden auf und legte sie sich über den Arm. „Und vielleicht einen Kaffee.“

Unter leisem Gedankengejammer, dass sie viel lieber Quellwasser hätte und übrigens ihre Fingernägel ganz sicher ruiniert wären, trottete sie hinter ihm her. Zum Glück waren die Türen in der Clearwater High doppelt so breit wie in normalen Schulen.

Als mir kurz darauf Brandon begegnete und fragte: „Sag mal, hast du meine Eltern schon entdeckt?“, konnte ich ihm zur Auskunft geben: „Ja, eben hatten sie noch die Nase tief in einem Korb mit Bergwiesen-Heu.“

„Sie haben sich verwandelt?“ Ein hoffnungsvolles Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. „Mist, und ich hab´s verpasst!“

„Vielleicht sind sie noch in zweiter Gestalt, allerdings sah es nicht so aus, als hätten sie Lust, längere Zeit so zu bleiben“, meinte ich, und mit einem schnellen Abschiedsgruß rannte er los, um sie zu suchen.

Meine Eltern waren nirgendwo in Sicht. Klar, das hatte ich mir schon gedacht, aber enttäuscht war ich trotzdem. Was stellst du dich so an, immerhin kommen Anna und Melody übermorgen zum Besuchstag für Ahnungslose, redete ich mir gut zu. Doch viel half es nicht, in meinem Bauch ballte sich ein Knoten der Traurigkeit.

Natürlich war auch Miros Rudel nicht erschienen, obwohl unser Kampflehrer Bill Brighteye es riskiert hatte, ihnen in seiner Wolfsgestalt eine Einladung zu überbringen. Zum Glück war Miro, der von Cliff betreut wurde, viel zu aufgeregt, um niedergeschlagen zu sein. In den Pausen zwischen den Theateraufführungen lief er schwanzwedelnd und Besucher abschnüffelnd hierhin und dorthin. O Carag, das ist so toll, schwärmte er mit glänzenden Augen. Ich wusste gar nicht, dass es so viele Woodwalker gibt!

So viele sind es gar nicht, diese hier kommen aus ganz Amerika, erklärte ich ihm. Nells Großeltern zum Beispiel sind extra aus New York angereist, das ist eine große Stadt weit entfernt im Osten. Ihre Eltern mussten leider arbeiten.

„Meine auch – tja, die Firma geht immer vor“, sagte Betawolf Cliff knapp, er wirkte traurig. Wie es aussah, hatte auch seine Verwandtschaft auf einen Besuch der Clearwater High verzichtet.

Die Menschen sagten manchmal, dass Liebe durch den Magen geht. Falls das stimmte, galt es für Trost garantiert auch. Also steuerten Miro, Cliff und ich das Buffet an, wo unter dem Schild Fellwertkost unter anderem ein Stapel meiner geräucherten Lieblingswürstchen aufgetürmt war. Der ideale Snack, um mich für meine Vorführung zu stärken. In fünf Minuten musste ich mich auf den Weg zu unserem Kampfraum machen und probehalber spannte ich meine Muskeln an. Ich würde gegen Theo antreten, Puma gegen Elch, und es war kein Ergebnis abgesprochen. Bitte, bitte keine Blamage vor all diesen Gästen!

Doch bei den Würstchen kam ich nicht an. Auf halbem Weg zu den Fressalien sah ich etwas Unerwartetes … und blieb stehen, als wäre ich gegen eine unsichtbare Wand gelaufen.

Nein, das konnte nicht sein.

Das glaubte ich einfach nicht!

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