Das Buch Gefährliche Gestalten ist der, ab 10 zu Empfehlende erste Band der Reihe Seawalkers von Katja Brandis. Der Nachfolger ist Rettung für Shari. Auf dem Cover ist Tiago zu sehen.


Klappentext[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als der 14-jährige Tiago bei einem Ausflug ins Meer erfährt, dass er ein Tigerhai-Gestaltwandler ist, stellt das sein ganzes Leben auf den Kopf. Aufgrund seiner gefährlichen zweiten Gestalt findet Tiago in seiner neuen Schule, der Blue Reef Highschool, nur schwer Anschluss. Doch ausgerechnet das zarte Delfinmädchen Shari hat keine Angst vor ihm. Während die beiden sich anfreunden, taucht plötzlich Puma-Wandler Carag mit einem Spezialauftrag auf. Ein Notruf aus den Everglades hat ihn erreicht. Tiago und Shari sollen ihn auf der Suche nach den seltenen Florida Panthers begleiten. Ein Tigerhai und ein Puma in den gefährlichen Sümpfen? Ob das gut geht?

Links[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hier gibt es einen Trailer auf YouTube.

Leseprobe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Irgendwie wusste ich schon immer, dass ich anders bin. Hat ein bisschen gedauert, bis ich herausgefunden habe, WIE anders. Ein Gestaltwandler zu sein, finde ich eigentlich toll. Nur leider kann man sich seine Gestalt nicht aussuchen … und ich bin ein Tier, vor dem so ziemlich alle Menschen schreiend flüchten. Wie in aller Welt soll ich damit klarkommen, bitte schön? Vielleicht wird es wenigstens in dieser komischen Schule anders sein, in dieser Blue Reef Highschool.

Aber vielleicht fange ich besser am Anfang an zu erzählen …

Hai-Alarm[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Hai-Alarm!“ ist nicht das, was man hören möchte, wenn man gerade Spaß im Meer hat. Und noch weniger möchte man es hören, wenn es auf irgendeine Art etwas mit einem selbst zu tun hat.

Einen Moment lang trat ich Wasser und spuckte mein Schnorchelmundstück aus, um mit meinem Freund reden zu können. „Hast du gehört? Da ist irgendwo ein Hai. Wir sollten raus aus dem Wasser!“

„Tiago … was … du …“, keuchte Lando und wich vor mir zurück, seine Augen wirkten durch die Taucherbrille irgendwie komisch. Als würden sie jeden Moment rausploppen.

„Also was ist jetzt?“, drängte ich.

Niemand hörte mir mehr zu. Mein Freund kraulte schon, so schnell er konnte, aufs Land zu, genauer gesagt auf den hellgelb leuchtenden Miami Beach. Beeindruckt sah ich, dass sich Lando von einem moppeligen Couchhocker irgendwie in einen Olympiaschwimmer verwandelt hatte. Besser, ich legte auch einen Zahn zu.

Mit kräftigen Flossenschlägen schnorchelte ich hinter ihm her. Verdammt, die Leute am Strand starrten alle in unsere Richtung! War der Hai etwa hier, in meiner Nähe? Nervös blickte ich mich mit meiner Taucherbrille unter der Oberfläche um, sah aber nichts außer glasklarem Wasser, hellem Sand und einer zerdellten alte Plastikflasche, die am Grund entlangtrieb.

Eigentlich wollte ich nicht aus dem Wasser heraus. Es fühlte sich so gut an, obwohl ich angeblich allergisch gegen Meerwasser war. Andererseits hatte sich meine Haut irgendwie grau verfärbt, das war garantiert nicht gesund, außer man war ein Elefant. Besorgt starrte ich auf meinen Arm, während ich weiterschwamm.

Dann fiel mir auf, dass mein Rücken juckte. Während ich mit halb untergetauchtem Kopf weiter in Richtung Strand schwamm, griff ich nach hinten, um mich dort zu kratzen, wo es am meisten kribbelte. Und bekam den Schreck meines Lebens. Dort war irgendetwas Festes, das dort eindeutig nicht hingehörte! War das eine Rückenflosse?

O mein Gott! Hatte mein dämlicher Kumpel mir die irgendwie angeklebt? Aber das hätte ich doch merken müssen! Instinktiv drehte ich mich um, sodass das Ding – was auch immer es war! – nach unten ragte, und schwamm auf dem Rücken weiter.

Schließlich war das Wasser so flach, dass ich darin sitzen konnte, während kleine Wellen mich umspülten. Ich war der Einzige, der noch im Meer war. Auf dem Strand wimmelten die Leute herum, noch immer aufgeregt, obwohl der Hai anscheinend nicht mehr in Sicht war.

Ich traute mich erst aus dem Wasser heraus, als mein Rücken sich wieder normal anfühlte. Die komische Flosse war einfach weg und nirgendwo mehr zu finden.

Unsicher blickte ich mich um, während ich mit meinen Plastikflossen unter dem Arm durch den von der Sonne aufgeheizten Sand stapfte, doch ich entdeckte Lando nicht. Stattdessen starrte mich ein älteres Paar mit bunten Badesachen und Strohhüten misstrauisch an. Vielleicht Touristen aus den vielen Hotelburgen, die den Strand säumten. Ein paar junge Männer diskutierten, was für ein Raubfisch es genau gewesen sein könnte, und ein kleines Mädchen, das ein halb geschmolzenes Eis hielt, deutete mit dem Finger auf mich. „Das ist er! Der Hai!“

„Red keinen Unsinn, Belinda“, ermahnte seine Mutter das Mädchen.

Die Kleine heulte los wie eine Mini-Sirene. Aber zum Glück nicht wegen mir, sondern weil ihr Eis gerade abgebrochen und zur Hälfte auf dem Sand gelandet war.

Ich ging schnell an allen vorbei, packte meine auf dem Sand herumliegenden Klamotten und hastete mit nasser Badehose weiter zum Parkplatz. Nur weg hier!

Auf dem Parkplatz dann der nächste Schreck. Der schicke rote Toyota, den Lando sich von seinem Bruder „geliehen“ hatte, stand nicht mehr da. Wütend und gefrustet warf ich meine Flossen auf den Asphalt und rammte meine Hände in die Taschen der Shorts. Der hatte mich doch tatsächlich im Stich gelassen! Mir war ein klein bisschen nach Heulen zumute. Was war das eigentlich für ein Freund? Okay, eigentlich war er sowieso kein Freund, sondern nur jemand, mit dem ich herumhing. Manchmal war ich mir nicht mal sicher, ob ich ihn mochte. Besonders dann, wenn er davon redete, wie er reich werden wollte – so reich wie sein Bruder, der für viel Geld alles verkaufte, was verboten war und in eine Hosentasche passte.

In Wirklichkeit hieß er natürlich nicht Lando, aber als echter Star Wars-Nerd, der sogar manche Dialoge mitsprechen konnte, ging ein gewöhnlicher Name natürlich nicht durch. Er hatte auch versucht, mir einen Spitznamen zu verpassen – unter anderem hatte er mich Blauauge, Tigger, Arty und Chewie gerufen –, aber zum Glück war nie einer kleben geblieben. Meine Augen waren zwar ungewöhnlich blau, aber der Name hatte zu dämlich geklungen, um sich lange zu halten. Auf Tigger und Arty hatte ich einfach nicht reagiert und für Chewie reichte meine Haarmähne eindeutig nicht aus, sodass Lando es sich schnell selbst abgewöhnt hatte.

Auf dem Handy erreichte ich Lando natürlich auch nicht. Mist! Jetzt gab es nur noch einen, der mich retten konnte, sonst war ich hier am Miami Beach, zehn Meilen von daheim, buchstäblich gestrandet.

Ich kam mir sehr blöd vor, während ich die Nummer von Onkel Johnny wählte. Weil er mir verboten hatte, jemals ins Meer zu gehen, hatte ich den Nachmittagsunterricht geschwänzt und war heimlich mit den anderen zum Strand gefahren. Damit ich nicht länger der einzige Junge war, der in Florida lebte und noch nie im Meer gewesen war, also ein kompletter Volldepp. Und jetzt musste ich mich von Onkel Johnny abholen lassen. Toll. Was blühte mir jetzt? Zwei Wochen Hausarrest? Mir das Taschengeld streichen konnte er nicht, ich bekam eh keins, das konnten wir uns nicht leisten.

Eine halbe Stunde später bog der klapprige blaue Chevrolet meines Onkels in den Parkplatz ein und bremste vor mir. Verlegen öffnete ich die Tür, ließ mich auf den durchgesessenen Beifahrersitz gleiten und wartete. Es war nicht leicht, Onkel Johnny wütend zu machen, aber wenn er richtig in Fahrt war, dann konnte er locker einem Hurrikan, Vulkanausbruch oder Tsunami Konkurrenz machen.

Mein Onkel trug eins seiner zeltartigen, karierten Hemden und ein verblichenes blaues DisneyWorld-Käppi – nicht weil er Disney World besonders liebte, sondern weil es ein Hotelgast mal vergessen hatte und es in besserem Zustand gewesen war als seine alte Basecap. Wie üblich roch er nach den Zimt-Kaugummis, die er so liebte. Als ich mich angeschnallt hatte, wandte er mir sein Bulldoggengesicht zu, und ganz langsam wagte ich mich zu entspannen. Wütend sah er nicht aus … dafür aber so, als parkten zwanzig voll beladene, übereinander gestapelte LKW auf seiner Seele.

„Du warst also im Meer“, stellte er fest. „War alles … okay?“

„Na ja, geht so“, versuchte ich auszuweichen.

„›Geht so‹ heißt, es ging nicht, stimmt´s?“, brummte er.

„Ähm. Ich sah wohl irgendwie komisch aus. Deshalb ist Lando auch abgehauen.“

„Wir müssen reden, Tiago“, sagte mein Onkel.

Ich verzog das Gesicht, was wahrscheinlich aussah, als hätte ich einen Krampf im Mundwinkel. Wenn Erziehungsberechtigte so was sagten, wollten sie selten besprechen, was man sich zum Geburtstag wünschte oder wohin man zum Pizzaessen gehen wollte. Aber eigentlich war es mir ganz recht, dass er reden wollte – ich wollte das auch! Dieser Zwischenfall vorhin ging mir immer noch im Kopf herum. Und anscheinend wusste Onkel Johnny irgendetwas darüber, etwas, das er mir bisher verschwiegen hatte!

Wortlos stapften wir die Holztreppe zum ersten Stock des hellbraun gestrichenen Apartmentgebäudes hoch, in dem wir eine Wohnung hatten. Ein paar Minuten später saßen wir zusammen am Küchentresen, an dem wir üblicherweise aßen. Ich studierte das faszinierende Muster der Kunststoffplatte, schwitzte vor mich hin und hoffte, dass das hier bald vorbei war.

„Zuallererst wollte ich sagen, dass es mir leid tut“, sagte Onkel Johnny. „Es tut mir ganz furchtbar leid.“

Das Gespräch entwickelte sich anders als erwartet. Aber es lief nicht schlecht.

Mein Onkel fuhr fort: „Eigentlich bin ich nicht der Typ, der Leute anlügt. Aber bei dir ging´s nicht anders.“

„Äh, wie bitte?“, fragte ich. „Mich muss man anlügen? Wieso das?“

Onkel Johnny seufzte so tief, dass sein gewaltiger Bauch in Wellenbewegungen geriet. „Ich bin eigentlich nicht dein Onkel“, erklärte er.

Das war nun nichts wirklich Neues. „Ja, ich weiß. Du bist eigentlich meine Tante“, sagte ich. Es war immer ein bisschen nervig, wenn ich neue Leute nach Hause mitbrachte und die dann verständnislos die Bilder anglotzten, auf denen ich mit Tante Jenny zu sehen war. Einer Tante, die meinem heutigen Onkel Johnny zum Verwechseln ähnlich sah, wenn man mal die langen Haare und den Busen abzog. Was war dabei, wenn jemand lieber als Mann leben wollte?

„So habe ich das nicht gemeint“, sagte Johnny, bevor ich wieder mal darüber nachgrübeln konnte, wieso er eigentlich keinen Tante-Jenny-Busen mehr hatte. „Wir sind auch nicht verwandt.“

Leider brachte ich nichts Intelligenteres heraus als: „Was?“

„Ich bin ein Freund … na ja, eher Bekannter … deiner Eltern. Sie haben dich vor vierzehn Jahren mehr oder weniger … ähm … bei mir abgegeben und sind weitergereist.“

„Und dann sind sie bei einem Autounfall umgekommen“, ergänzte ich und fragte mich, worauf er hinauswollte.

„Nein, sind sie nicht“, erklärte mein Onkel, zerknüllte nervös ein Kaugummipapierchen und lockerte seine Schultern. „Das war eine der Lügen. Erfreulicherweise. Sie leben noch und sind wahrscheinlich gerade im Ausland, sie reisen meistens irgendwo in der Welt herum.“

Er hatte es geschafft. Diesmal war ich sprachlos. Vielleicht hätte ich begeistert sein sollen, dass meine Eltern noch lebten, doch das klappte nicht so richtig.

„Du musst das verstehen … Haie haben nun mal keine besonders starke Bindung zu ihrem Nachwuchs“, fuhr mein Nicht-Onkel fort.

„Haie?“ Das wurde allmählich echt seltsam. Vielleicht lag ich nach einem Badeunfall im Koma, träumte das alles und würde es schrecklich witzig finden, wenn ich mich nach dem Aufwachen noch daran erinnerte.

„Deine Mutter ist in zweiter Gestalt ein Blauhai, dein Vater ein Tigerhai.“

Ich musste lachen. Das klang einfach zu seltsam. Aber dann erinnerte ich mich an das, was vorhin am Miami Beach passiert war, und mein Lachen wurde zu einer Art Schluckauf. Kriegte ich immer, wenn ich halb in Panik war. Mühsam versuchte ich, mich wieder zu beruhigen. Vielleicht war das mit den Haien ein grandioser Witz, ja, so musste es sein. Nachdem ich noch mal mit einer Lachsalve herausgeplatzt war, sagte ich grinsend: „Das heißt, ich bin eigentlich auch ein Hai?“

„Ja, genau“, sagte Johnny. Er grinste nicht. Stattdessen wirkte er erleichtert. Vielleicht weil ich so schnell kapiert hatte, was Sache war. Das ließ vermuten, dass es tatsächlich kein Witz war, und machte mir ein bisschen Sorgen. „Ein Tigerhai, genauer gesagt.“ Bevor ich etwas sagen konnte, fuhr er rasch fort: „Deshalb habe ich behauptet, du wärst allergisch gegen Salzwasser, verstehst du? Ich weiß, du hast dich geärgert, dass ich dir diesen Schnorchelausflug mit deiner Klasse nicht erlaubt habe. Und du warst gefrustet, weil ich nie mit dir an den Strand gefahren bin.“

„Oh ja“, unterbrach ich ihn bitter. Zahllose Male hatten mir irgendwelche Leute aus der Klasse oder aus Johnnys Bekanntenkreis davon erzählt, dass sie den Nachmittag oder Abend am Miami Beach abhängen wollten. Manche fuhren sogar am Wochenende auf die kleinen, superhübschen Inseln der Keys und gingen dort Kitesurfen. Jedes Mal, wenn ich so was hörte, zerfloss ich fast (vor Neid, aber auch, weil die Hitze hier im Sommer schwer auszuhalten war). Ein Mädchen, dem ich wohl irgendwie gefiel, hatte mich sogar mal eingeladen, mit ihr und ihrer Familie surfen zu gehen. Ich hatte Nein sagen müssen und das Mädchen war sauer  gewesen. Sie hatte dann jemand anders mitgenommen, einen unerträglichen Typen aus der Klassenstufe über uns.

„Ich konnte nicht riskieren, mit dir ins Meer zu gehen“, fuhr Johnny fort. „Ein nicht ausgebildeter Gestaltwandler mit deiner Kraft ist gefährlich! Ich bin halt auch kein Hai, sondern nur ein Zackenbarsch. Du hättest mich bestimmt nicht verletzen wollen, aber …“

„Das ist alles ein schlechter Witz, oder?“ Ich fragte es mit letzter Hoffnung. Eigentlich veralberte mich Johnny nicht besonders oft, weil er wusste, dass er nicht damit durchkam (an seinem linken Mundwinkel, der dann ein klein wenig zu zucken begann, merkte ich es jedes Mal). Diesmal zuckte sein Mundwinkel nicht. Konnte das die Wahrheit sein?

Nein, nein, bestimmt nicht, das klang alles wie aus irgendeinem Film. Wir gingen nicht gerade oft ins Kino, aber manchmal schon, wenn Johnny im Motel ein größeres Trinkgeld bekommen hatte, weil er jemandem den Reifen gewechselt oder ihm geholfen hatte, nachts um halb zwölf eine Flasche Bourbon aufzutreiben. Aber ich kannte sowieso keinen Film, in dem sich Leute in irgendwelche Meerestiere verwandelten. Was war, wenn es stimmte? Wenn er mir gerade die Wahrheit gesagt hatte?

Vor meinen Augen drehte sich alles. Ich merkte, dass mein Mund sich bewegte, aber nichts kam heraus. Mühsam schaffte ich es, aufzustehen und einen Fuß vor den anderen zu setzen. Als ich in meinem Zimmer war, knallte ich die Tür hinter mir zu, warf mich aufs Bett und atmete tief durch, wieder und wieder.

Hai-Alarm – ein Alarm wegen mir? Falls das ein Traum war, musste ich jetzt ganz dringend versuchen aufzuwachen.

Komposthirn[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am nächsten Morgen wankte ich nach einer Nacht mit sehr wenig Schlaf wieder aus meinem Zimmer hervor und blickte mich misstrauisch um. Halb erwartete ich, dass die Stühle an der Decke klebten oder ich ein gigantisches rosa Kaninchen durch die Wohnung hoppeln sah. Das wäre praktisch gewesen, weil es hieß, dass ich nur ein bisschen verrückt geworden war.

Aber es war alles wie sonst, an meiner Zimmerwand hing das Bandposter von Thirty Seconds to Mars und einige meiner Zeichnungen von Tieren (unter anderem ein Hai!), kämpfenden Samurais und meinen Lieblings-Promis, an denen ich ausprobiert hatte, ob ich auch Porträts konnte (ging so). An der Wand stapelten sich meine Klamotten, weil für einen Kleiderschrank in meinem langen, schmalen Zimmer kein Platz war. Auf dem Hosenstapel thronte mein in der Schule selbst gebauter Roboter (zurzeit leider kaputt). Auf dem Nachttisch lagen mein zerschrammtes Handy und ein zerfleddertes Sachbuch über die Antarktis (ich las am liebsten darin, wenn es draußen über fünfunddreißig Grad waren). Daneben thronte mein Glücksbringer, eine Muschel.

Das einzig Ungewöhnliche war, dass mein Onkel Johnny – oder sollte ich ihn einfach nur Johnny nennen? – nicht schon zu seiner Arbeit im Orange Blossom Motel abgedüst war. Er saß an der mit Frühstückskram gedeckten Theke und blickte mich besorgt an. „Alles okay, Tiago?“

„Haha, sehr witzig“, sagte ich, setzte mich und schaufelte zwei Pfannkuchen, ein Spiegelei und ein Stück Buttertoast auf meinen Teller, alles übereinander, wie sonst auch. Dann blickte ich auf den Essensberg herab, als würde ich ihn zum ersten Mal sehen. „Ich hab gelesen, dass Tigerhaie so ziemlich alles fressen, was sie finden.“

Onkel Johnny musste grinsen. „Oh ja, das stimmt“, brummte er. „Sehr praktisch. Sonst hättest du dich bestimmt schon beschwert, dass ich nicht gut kochen kann.“

Nach dem ausgefallenen Abendessen hatte ich echt Hunger, also begann ich, den Stapel auf meinem Teller zu verdrücken. „Und du bist wirklich … ein Zackenbarsch?“ Zwischen zwei Bissen konnte ich nicht anders, ich musste meinen Onkel anstarren. „Kannst du dich verwandeln, wenn du willst?“

„Ja.“ Er sah schuldbewusst aus. „Manchmal habe ich behauptet, ich hätte Dienst im Motel, und bin heimlich ans Meer gefahren, um eine Runde durch mein Revier zu drehen. Ach ja, an meiner zweiten Gestalt liegt es übrigens auch, dass ich nicht mehr deine Tante bin. Wenn sie jung sind, sind Zackenbarsche alle Weibchen. Werden sie älter, wandeln sie sich zu Männchen. Passiert uns allen, auch in unserer Menschengestalt.“

„Krass“, war das Einzige, was mir dazu einfiel. Er war ein Zackenbarsch … und ich ein Hai! Ein Tigerhai, eins der gefährlichsten Tiere des Ozeans! Allmählich war ich so weit, dass ich das cool fand. Die Sachbücher über gefährliche Meerestiere, die es in der Bibliothek gab, kannte ich fast auswendig.

„Hör zu.“ Johnny lehnte sich über die Theke und blickte mir eindringlich in die Augen. „Es geht auf keinen Fall, dass du wild herumexperimentierst. Ich habe mitbekommen, dass vor zwei Jahren ein geheimes Internat gegründet worden ist … eine Schule für Seawalker, also für Gestaltwandler wie uns. Dort kannst du lernen, deine zweite Gestalt zu beherrschen.“

Seawalker. Was für ein seltsames Wort – auf dem Meer konnte man doch nicht laufen! Ich hatte die plötzliche Vision, wie ich als Taucher im Metallhelm auf dem Meeresboden herumstapfte. Aber irgendwie hatte das Wort auch was. Schließlich gab es ja auch Leute, die Skywalker hießen, obwohl man am Himmel ebenso wenig wandern konnte.

Ich ließ Johnnys Worte einsickern und spürte, wie mir langsam der Appetit verging. Ein Internat für Seawalker. Internate hatte ich nie besonders cool gefunden. Der Gedanke gefiel mir nicht wirklich, irgendwohin abgeschoben zu werden, rund um die Uhr mit Kids und Lehrern zu tun zu haben und höchstens an den Wochenenden nach Hause zu können. „Moment mal. Und was ist, wenn ich nicht da hingehen will?“

Johnnys Augen wurden schmal. „Bete lieber, dass sie dich dort nehmen! Heute Nachmittag, nach der Arbeit, hole ich dich von der Schule ab und wir fahren hin. Am besten, du packst ein paar Sachen, für den Fall, dass du gleich dableiben willst.“

„Also das glaube ich jetzt nicht“, meinte ich misstrauisch und ein bisschen beleidigt. Er hatte es wirklich eilig, mich loszuwerden! „Aber ich schaue mir das Ganze mal an, okay?“

Es war noch etwas anderes, das mir durch den Kopf ging und mich den Schlaf gekostet hatte. „Sag mal … hast du eigentlich manchmal bei meinen Eltern angerufen? Oder mit ihnen gemailt?“

„Selten“, gab er zu. „Du willst ihre Mailadresse, stimmt´s?“

Stumm nickte ich. Ohne weitere Diskussionen schrieb er sie mir auf einen Zettel. Ich steckte ihn ein, holte mir die Reisetasche und stopfte ein paar Klamotten, meinen Waschbeutel, meine Zeichensachen und meinen Glücksbringer hinein. Die Muschel hatte mir mein bester Freund in der Grundschule geschenkt, bevor er weggezogen war und ich ihn nie wiedergesehen hatte. Manchmal dachte ich noch an ihn und hatte versucht, ihn über Google und Facebook zu finden. Ohne Erfolg, ich hatte keine Ahnung, was aus ihm geworden war. Und es war vielleicht besser, dass er nicht mitbekam, was aus mir wurde – oder eher, was ich ahnungsloser Idiot schon immer gewesen war … ein nicht ganz menschliches Wesen, vor dem man sich besser in acht nahm. Einen Moment lang umschloss ich die Muschel in der Hand und fühlte mich, als hätte mich jemand in einem kleinen Boot mitten auf dem Ozean ausgesetzt. Dann holte ich tief Luft, schob die Muschel in die Reisetasche und versuchte, so zu tun, als sei alles in bester Ordnung. Das beruhigte mich irgendwie.

Als ich fertig war mit Packen, war ich spät dran. Ich schwang mir meinen Rucksack auf den Rücken und rannte los – immerhin musste ich nicht auf den Schulbus warten, die Schule war nur eine halbe Meile entfernt.

„Denk dran, heute Nachmittag. Ich warte auf dem Parkplatz auf dich!“, rief Johnny mir nach.

Er war wirklich finster entschlossen, mich auf diese seltsame Schule zu schicken. Doch wenn es mir dort nicht gefiel, dann kam das gar nicht infrage!

Auf meiner jetzigen Schule gefiel es mir aber auch nicht besonders. Liberty City, wo wir wohnten und wo ich auf die miese, aber kostenlose öffentliche Middle School gehen musste, war eins dieser Viertel, in dem Touristen lieber nicht anhalten. Besonders nachts nicht, dann gingen sogar ich und Onkel Johnny ungern raus.

Auf dem Weg zur Schule konnte ich die ganze Zeit nur Tigerhai, großer Gott, ein Tigerhai! denken. Noch fühlte es sich sehr unwirklich an. Und erst recht, als ich vor der grau gestrichenen, von einem zwei Meter hohen Maschendrahtzaun umgebenen Middle School ankam und zu meinem Spind ging, als wäre heute ein Tag wie jeder andere.

Bei den Spinden traf ich Lando. Er zuckte zusammen, als er mich sah, und rasch warf ich einen Blick auf meine Hände, um sicher zu sein, dass ich nicht wieder graue Haut hatte oder so was. Alles normal, zum Glück!

„Hi, Lando“, sagte ich ein bisschen verlegen.

„Hi“, gab er zurück und sah mich mit gehetztem Blick an. Nach dem, was ich von Onkel Johnny erfahren hatte, konnte ich ihn verstehen – anscheinend hatte ich mich dort im Meer teilverwandelt. Trotzdem war ich ein kleines bisschen sauer.

„War nicht so nett, dass du mich hast sitzen lassen“, meinte ich.

„Oh, das. Ja. Sorry.“ Er packte schnell die nötigen Bücher in seinen Rucksack, knallte die Tür seines Spinds zu und wollte abhauen. Doch zu seinem Pech hatten wir jetzt zusammen Chemie II. Schweigend gingen wir nebeneinander her und setzten uns in den Fachraum, in dem sich kurz darauf unser Lehrer mit uns abplagte.

„Wie lautet die Formel für Kohlendioxid?“, fragte er in die Runde. „Na kommt schon, Leute, das ist wirklich nicht schwer!“

Keine Reaktion. Ich sah mich im Raum um. Die Mädels, von denen viele aussahen, als wären sie auf dem Weg zu einer Party, lackierten sich gerade die Fingernägel, spielten gelangweilt an ihren Smartphones herum oder unterhielten sich. In der letzten Reihe schlief einer der Jungs mit dem Kopf auf seinem Pult. Lando versuchte konzentriert, aber mit wenig Erfolg, den Millennium Falcon zu zeichnen – im Moment sah er noch aus wie der verbeulte Deckel einer Mülltonne.

Plötzlich wurde ich wütend. Was machte ich eigentlich hier? Meine Zeit verschwenden, sonst nichts! Trotzig streckte ich den Arm hoch. Mein Lehrer wirkte verblüfft, aber erfreut. „Ja, Tiago?“

„CO2“, sagte ich.

Schlagartig horchten die beiden Jungs – Logan und Rocket – schräg hinter mir auf und glotzten mich drohend an. Sie bestraften jeden, der er es wagte, mehr zu wissen als sie und es auch noch zu verkünden. Mich ließen sie gewöhnlich in Ruhe, weil ich vor längerer Zeit mal einen Kampf gegen Logan gewonnen hatte, außerdem tat ich meistens wie die anderen so, als wäre mir alles egal.

Doch plötzlich hatte ich darauf keine Lust mehr. Wieder und wieder meldete ich mich mit der richtigen Antwort und fühlte mich wie befreit. Der Rest der Klasse war fassungslos. Mel lackierte versehentlich ihren Finger statt des Nagels, Nelly ließ ihr Handy in ihren Joghurt fallen und Rockets Oberlippe zuckte, was irgendwie nach Kaninchen aussah. Vielleicht war ich nicht der einzige Wandler in dieser Klasse?

Das wirst du noch büßen, Streber!, sagte Rockets giftiger Blick und Logan betrachtete mich mit einer Mischung aus Wut und Vorfreude. Er liebte es, Leute plattzumachen, und Rocket – der eigentlich ziemlich clever war – sagte ihm, wie er es anstellen sollte.

Besorgt schaute mein Freund Lando mich von der Seite an, aber ich achtete nicht darauf.

In der zweiten Pause bekam ich dann die Quittung. Innerhalb von Sekunden hatten die zwei mich in die Zange genommen und neugierig schlenderten ein paar andere Leute hinzu, um nichts zu verpassen.

„Was sollte das vorhin, Klugscheißer?“, sagte Logan– er war einen halben Kopf größer als ich und hatte einen Körperbau wie eine Actionfigur. Kraftvoll stieß er mich mit der flachen Hand gegen die Brust. Es irritierte ihn etwas, dass ich es irgendwie fertigbrachte, nicht zu wanken oder zurückzutaumeln.

„Lieber Klugscheißer als Komposthirn“, meinte ich und grinste ihm ins Gesicht, so gut ich es hinbekam.

Rocket versuchte, mir die Faust in den Magen zu rammen. Ich wich zur Seite aus und seine Knöchel machten Bekanntschaft mit der Betonwand hinter mir. Quiekend hüpfte er zurück und hielt sich die Hand. Sofort übernahm Logan seinen Platz und packte mich am T-Shirt. Mit einer Drehung befreite ich mich und verpasste ihm einen harten Schlag auf den Bizeps, der ihn aufjaulen ließ. Das war einer der Tricks, die Onkel Johnny mir früher gezeigt hatte, nachdem ich mal wieder heulend heimgekommen war.

Leider reichte mein Vorrat an Tricks nicht besonders lange und Rocket brachte es fertig, mich an die Betonwand zu drücken. Verdammt, ich saß in der Falle! Rocket grinste mir aus nächster Nähe ins Gesicht, vielleicht damit ich seinen Bartflaum, seine schlammbraunen Augen und seine spitze Nase bewundern konnte. Mit einem hässlichen Grinsen steuerte Logan auf mich zu und holte mit der Faust aus.

Tigerhaie sind stark, dachte ich. Wenn ich es nicht schaffe, hier rauszukommen, bin ich wohl doch keiner! Mit aller Kraft schob ich Rocket zurück – und staunte, als er schwungvoll davonflog … wie eine Rakete eben. Er schlitterte auf dem Rücken über den Asphalt, hastig wichen die Zuschauer ihm aus. Seinen Kumpel Logan packte ich am ausgestreckten Handgelenk, dann drehte ich mich mit ihm um mich selbst. Fluchend stolperte Logan im Kreis. Als ich losließ, flog er in die gleiche Richtung wie Rocket und landete neben seinem Kumpan auf dem Boden.

Erstaunter Applaus und aufgeregtes Gemurmel von den Zuschauern.

Leider genoss ich die Situation einen Wimpernschlag zu lang. In der Zeit erwischte mich ein zweiter Verbündeter von Logan, der in eine andere Klasse ging und sich bisher rausgehalten hatte, mit einem blitzschnellen Schlag von der Seite. Plötzlich fand ich mich auf dem Boden wieder und spürte, wie Blut über meine Wange lief. Mein ganzes Gesicht brannte.

„Drei gegen einen, das ist unfair!“, brüllte Lando die Kerle an, und beinahe hätte auch er einen Schlag abbekommen, wenn nicht in dem Moment unser übergewichtiger Security-Mann in seiner schwarzen Uniform herangekeucht wäre.

Als mich Onkel Johnny am Nachmittag abholen kam, war er entsetzt. „Was hast du mit deinem Gesicht angestellt? Eigentlich solltest du dort in der neuen Schule einen guten Eindruck machen!“

„Na ja, genau genommen war das mit dem Gesicht nicht ich“, versuchte ich ihm zu erklären.

Onkel Johnny stöhnte. „Was ist, wenn sie dich nicht nehmen, weil der Schulleiter denkt, du bist ein Schlägertyp? Es gibt nur zwei Schulen für Wandler in ganz Amerika und nur die hier in Florida eignet sich für Wassertiere! Du hast Glück, dass sie überhaupt so nah ist!“

Ich zuckte trotzig die Schultern und sagte nichts, während Johnny ärgerlich grummelnd losfuhr. Wenn der Schulleiter ein Mistkerl war, wollte ich sowieso nicht auf diese seltsame Schule. Ob er auch ein Tier war … und alle anderen Schüler? Musste wohl, es war ja eine Schule für Wandler.

Meine Zweifel wuchsen mit jeder Meile, die wir nach Süden zurücklegten. Wie genau hatte Onkel Johnny mir gestern einreden können, dass ich ein Hai war? Dafür hatte ich bisher keinen einzigen Beweis. Das alles war lächerlich, wieso hatte ich ihm das geglaubt?

Am frühen Abend erreichten wir eine kleine Ansammlung von Häusern – einen Burger-Laden, ein Hotel, einen Steg mit Bootsverleih. Eine halbe Meile weiter sahen wir das unscheinbare Schild „Blue Reef Highschool“, beinahe hätten wir es übersehen. Dort führte eine kleine, ungeteerte Straße aus weißem Muschelkalk vom Highway ab.

Ob ich wollte oder nicht, mein Puls beschleunigte sich.

Wir waren angekommen.

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