Klappentext[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erzählen ist die älteste Kunst- und Kulturform des Menschen. Spannender noch als bekannte Märchen und Geschichten zu erzählen, ist es, mit Kindern selbst Geschichten zu erfinden. Diese können weitererzählt, nachgespielt, als Theaterstück aufgeführt oder gemalt werden. Erzählanlässe gibt es reichlich: ein krankes Kind, eine Geburtstagsparty, ein Regentag, ein gemeinsamer Spaß im Urlaub oder gezielte Sprachförderung in der Gruppe. Herzstück des Buches ist der „Geschichtenbauplan“, ein von Helga Gruschka aus der Erzählpraxis entwickeltes Werkzeug, das die Kinder beim Erfinden eigener Geschichten unterstützt.

Leseprobe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Zum Mitmachen motivieren“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei Erzählbesuchen, vor allem in den Kinderkrankenhäusern, habe ich meinen Geschichtenbaukasten immer dabei. Manchmal sind die Kinder schon vorbereitet, die Heilpädagogin hat ihnen von mir und meinem Tun erzählt, vielleicht schon eine im Krankenhaus entstandene Geschichte gezeigt. Im Newsletter einer Elternvereinigung sind ein paar Geschichten gedruckt worden. Oft aber heißt es einfach: „Der X oder dem Y geht es heute gar nicht gut, Helga, schau halt mal, was du machen kannst.“

So war es auch bei Alessia. Ein Mädchen, acht Jahre alt, lag matt im Bett. Aber die Augen schauten neugierig aus einem blassen Gesicht. Ich stellte mich vor, erzählte, was ich tue und wer ich bin, Geschichtenerzählen und Geschichtenbaumeisterin.

Also, eine Geschichte erzählt bekommen? Nicken. Nach der üblichen Frage, ein Märchen, eine Fantsiegeschichte oder eine autobiografische Geschichte? erzählte ich zuerst eine autobiografische Geschichte. Kurze Unterhaltung über die damalige Zeit, dann meine Frage: „Soll ich dir noch eine Geschichte erzählen, die ein Kind erfunden hat?“ Wieder Nicken. Jetzt erzählte ich die Geschichte vom Blumenmädchen. Anschließend unterhielten wir uns über Blumen, Garten und Pflanzen.

„Wer hat die Geschichte erfunden?“ fragte Alessia, sie wollte mehr über die Autorin erfahren und fügte hinzu, sie wohne auch in einem Haus mit Garten.

Auf meine Frage, ob sie denn nun auch versuchen wollte, mit mir zusammen eine Geschichte zu erfinden, noch Ausflüchte: „Ich kann das nicht!“

So, wie sie es sagte, klang es aber für mich nicht überzeugend. Also wollte ich es weiter versuchen. Doch wie?

Auf dem Tisch stand eine Schale voller duftender Erdbeeren. Sogleich dachte ich daran, dass es in meinem Geschichtenbaukasten ein Kärtchen mit der Ortsbezeichnung „Erdbeerinsel“ gab – wenn ich das Gespräch auf Erdbeeren brachte, konnte ich vielleicht eine Überleitung finden. Ich fragte, ob Alessia gerne Erbeeren aß. Ja, sagte sie und wir sprachen über Farbe, Form, Geschmack und Duft der Erdbeeren. Ganz von selbst redeten wir über Erdbeerkuchen, Muttertag und Kinderfeste im Garten.

Während des Gesprächs legte ich schon, so ganz nebenbei, einen Geschichtenplan zurecht, öffnete meinen Geschichtenbaukasten und suchte nach dem Kärtchen „Erdbeerinsel“. Alessias Augen folgten allen Bewegungen meiner Hände.

Und dann fragte ich sie, ob wir eine Erbeergeschichte machen wollten.

„Wir können es ja probieren“, sagte Alessia.

„Bist du einverstanden, wenn wir unsere Geschichte auf einer Erdbeerinsel beginnen lassen?“ fragte ich. Zustimmung.

Nun erklärte ich die Funktion des Geschichtenbaukastens, gab Alessia den Streifen mit den Doppelklebestückchen in die Hand, rückte den Nachttisch für mich zum Schreiben zurecht und legte den Geschichtenplan Alessia auf die Bettdecke.

Also: „Es war einmal eine Erdbeerinsel…..,“ Alessia klebte das grüne Kärtchen „Erdbeerinsel“ auf den Plan.

„Was sah, hörte, roch und fühlte man dort?“ Ich notierte, zwischen grünen Bäumen wuchsen viele Erdbeeren, es duftete, man hörte einen Bach rauschen und Vögel zwitschern.

„Wer war auf der Insel, wer soll der Held, die Hauptfigur unserer Geschichte sein?“

Alessia ließ sich drei Optionen aus meinem Geschichtenbaukasten vorlesen, entschied dann aber, Lotta und Lara, beide acht Jahre alt, sollten unsere Geschichte erleben. Also beschriftete ich ein leeres rotes Kärtchen mit „Lotta und Lara“, Alessia klebte es auf den Plan.

Lotta und Lara wollten zum Muttertag gemischten Obstkuchen backen und beschlossen deshalb, auf einer anderen Insel auch noch andere Früchte zu besorgen. Als sie sich für ihre Reise ausrüsten wollten, kamen sie zu einem absonderlichen Strandkiosk, der ganz von Spinnweben verhangen war. Sie fanden dort ein Paket mit Stillstehschokolade und einen fliegenden Teppich. Den Fuchs, der sie nicht fliegen lassen wollte, besiegten sie mit der Stillstehschokolade und flogen los. Nach kurzer Zwischenlandung auf dem Schokoladenstern dann die Landung auf der Pfirsichinsel.

Zum Muttertag gab es Erdbeer-Pfirsich– Schokoladenkuchen.

Die Geschichte sollte „Die Fruchtreise“ heißen, wir erzählten sie mit Hilfe des Plans im Zusammenhang.

Alessia war jetzt froh mitgemacht zu haben, sie freute sich über ihre „eigene Geschichte“ und wollte sie ihrer Mutter erzählen und zum Muttertag schenken.

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