Tag der Rache ist der, ab 10 zu Empfehlende 6. Band der Woodwalkers Reihe von Katja Brandis. Der Vorgänger ist Band 5: Feindliche Spuren. Auf dem Cover ist Jeffrey zu sehen.


Klappentext[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es ist so weit! In den Rocky Mountains beginnt der Sommer und mit ihm die Abschlussprüfungen für Carag. Doch das Lernen fällt dem Pumajungen schwer, denn Millings Großer Tag der Rache steht unmittelbar bevor. Verzweifelt versuchen Carag und seine Freunde, die Menschen vor Millings Verbündeten zu schützen. Schnell steht für Carag, seine Menschenfamilie und die Clearwater High alles auf dem Spiel. Wird es den Verteidigern gelingen, rechtzeitig hinter Millings Geheimnis zu kommen und die gefährlichen Gegner zu stoppen?

Nützliche Links[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

-Hier gibt es den Link zu einem YouTube Trailer.

Leseprobe:[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unser Secret-Ranger-Club ist ein voller Erfolg! Meine Freunde, ich und Woodwalker im ganzen Land verteidigen die Menschen gegen Andrew Millings Angriffe, so gut es geht. Doch wie sehr haben uns unsere Praktika auf Millings Großen Tag der Rache vorbereitet? Und was muss ich noch alles in meinem Kopf reinbekommen, um die Abschlussprüfung des ersten Schuljahres zu schaffen? Denn die steht vor der Tür, bevor wir in die großen Ferien dürfen. Und leider beginnt nun auch die Saison der Waldbrände in Yellowstone ….

Buschfeuer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Revier zu erobern ist die eine Sache – es zu behalten, eine andere. Während mein Vater die Grenzen unseres Gebiets im Süden patrouillierte, nahmen uns unsere Mutter, Mia und ich in diesem Sommer den Norden vor. Revier markieren war immer eine lustige Sache, ich liebte es, meine Krallen an Bäumen zu schärfen. Rindenstücke flogen in alle Richtungen, als ich einen Stamm begeistert mit den Vorderpranken bearbeitete, und der Duft nach frischem Harz und Kiefernnadeln stieg mir in die Nase.

Gut so, sagte meine Mutter nach einem kritischen Blick. Jetzt geht mal ein Stück zurück.

Sie produzierte eine große, gelbe Pfütze voller Hau ab, hier wohne ich-Botschaften für andere Pumas.

Darf ich auch? Ich kann den Baum richtig gut einsprühen, bettelte ich.

Doch Nimca zuckte nur mit den Schnurrhaaren. Willst du, dass die benachbarten Pumas denken, dass hier ein Jungtier die Stellung hält? Dann lungern sie ein paar Tage später in unserem besten Jagdgebiet herum!

Stimmt, gab ich zu.

Mia duckte sich zum Sprung, sie peilte eine Drehkiefer an. Wer als erster oben ist!

Ich natürlich!, gab ich zurück. Fast gleichzeitig sprangen wir den Baum an, krallen uns im Holz fest und liefen die Kiefer förmlich nach oben, Mia auf der einen Seite, ich auf der anderen. Meine Schwester hatte einen kleinen Vorsprung, weil sie größer und älter war, aber ich war gelenkiger. Die dünne Spitze der Kiefer schwankte unter unserem Gewicht, als würde ein Sturmwind sie schütteln. Zwei junge Raubkatzen waren ein bisschen viel für sie, vor allem, wenn sie auch noch miteinander rangelten. Achtung, Menschen nähern sich auf dem Wanderweg, warnte unsere Mutter.

Mia und ich erschraken so sehr, dass wir beide gleichzeitig versuchten, von dieser Kiefer herunterzukommen. Leider brach dadurch die Spitze ab und wir waren sehr viel schneller unten als erwartet. Zum Glück federten die Äste der benachbarten Bäume unseren Sturz ab, Kiefernnadeln peitschten gegen meinen Rücken. Noch im Fallen drehte sich mein Körper, und ich kam geduckt auf allen vier Pfoten auf. Mia dagegen prallte gegen einen Ast und purzelte neben mir nicht sehr elegant auf den Boden, eine Schande für jede Katze.

Aua, beschwerte sie sich.

Das wollte ICH gerade sagen, motzte ich zurück und begann mich zu putzen, um mir die Kiefernnadeln aus dem Fell zu holen.

Vermutlich hatten die Menschen uns gehört, denn ihre Geräusche verstummten kurz, dann erst kamen sie näher. Zu dritt zogen wir uns ins Unterholz zurück, das aus grauen, abgestorbenen Ästen, Gebüsch und grünem Gewucher bestand. Interessiert beobachtete ich, dass die beiden Wanderer, ein Mann und eine Frau, sich weiße Stäbchen in den Mund steckten und sie anzündeten, so dass widerlich riechender Rauch hervordrang. Freiwillig würden die sowas bestimmt nicht einatmen, vielleicht hatten ihre Eltern es ihnen befohlen? Die Armen.

Eins der Stöckchen war sehr kurz geworden. Die Frau nahm es aus dem Mund und warf es weg, dann ging sie mit ihrem Begleiter plaudernd weiter. Wir nutzten die Chance, lautlos in der Gegenrichtung davonzuhuschen.

Doch weit kamen wir nicht, dann stutzte Mia. Riechst du das auch?

Ja, jetzt wo sie es sagte … O nein, ächzte ich, und wie von selbst legten sich meine Ohren zurück, ein Fauchen entwich meinem Maul. Es roch nach Rauch von brennendem Holz.

Die Zigarette, stöhnte unsere Mutter. Verdammte Idioten, wieso haben sie den Stummel einfach so weggeworfen? Ich hab so ein Ding auch mal probiert – echt eklig! – aber ich habe es in den Sand gedrückt, damit es ausgeht.

Was, du hast sowas auch mal probiert? Ich war entsetzt.

Ich habe alles mögliche in der Menschenwelt mal ausprobiert, gab Nimca zurück. Du bist nicht der einzige, der in unserer Familie neugierig ist.

Sie blieb stehen, blickte sich unschlüssig um. Dann führte sie uns zurück, um die Lage in Augenschein zu nehmen. Mit gesträubtem Fell beobachteten Mia und ich, wie sich das Feuer in das trockene Unterholz hineinfraß. Schon leckte eine gelborangefarbene Flamme eine Drehkiefer hoch und begann sie zu fressen. Ihre Nadeln wurden schwarz, und Hitze schlug mir entgegen. Der beißende Rauch stach mich in die Nase. Wir wichen ein paar Schritte zurück.

Können wir irgendetwas tun?, fragte Mia verunsichert. Vielleicht, wenn wir uns verwandeln? In Menschengestalt?

Dafür ist es schon zu spät, erwiderte unsere Mutter grimmig. Lasst uns verschwinden, Feuer ist gefährlich.

Die Menschen könnten es löschen, oder?, fragte ich nachdenklich und zog mich noch weiter zurück, denn die Flammen krochen knisternd Nachbarbäume hoch und wurden immer größer. Der Anblick jagte mir Angst ein.

Ja, aber manchmal machen sie das nicht und lassen es brennen, erklärte Nimca, drehte sich um und lief los. Kommt, bloß weg hier!

Zum Glück bewegte sich das Feuer nicht sehr schnell, weil es windstill war, und wir konnten ihm leicht entkommen. Auch andere würden das schaffen – ich sah einen Hasen und ein wütend vor sich hin schnatterndes Hörnchen vor der Hitze fliehen. Doch langsamere Tiere hatten nun ein Problem. Fasziniert beobachtete ich, wie eine Welle von kleinen Krabbeltieren sich von dem Feuer wegbewegte. Käfer, gestreifte Heuschrecken, Spinnen, eine Natter, sie alle versuchten sich in Sicherheit zu bringen … doch nur die wenigsten von ihnen würden es schaffen.

Andere Tiere nutzten die Gelegenheit zu einem Snack – seelenruhig trieb sich ein Waschbär zwischen den fliehenden Kleintieren herum und stopfte sich das Maul mit Heuschrecken voll.

Sowas könnten wir doch auch machen, wandte die ewig-hungrig Mia ein und beobachtete eine panische Maus, die unter einem umgestürzten Baum hindurchhetzte.

Vergiss es – los jetzt, schneller!, trieb uns Nimca unruhig an.

Jaja, schon gut, gab Mia zurück und bequemte sich zu einem schnelleren Trab. Wie wohl geröstete Mäuse schmecken? Bestimmt total lecker.

Eine Weile sah es so aus, als wären wir dem Feuer entkommen. Aber dann drehte der Wind und frischte auf.

Er trieb das Feuer vor sich her, fächelte ihm Luft zu und peitschte es voran. Genau in unsere Richtung! Die Flammen begannen von Baum zu Baum zu springen, das trockene Holz immer schneller zu fressen. Und je mehr sie verschlangen, desto höher schlugen sie in den Himmel.

Beim großen Gewitter, murmelte meine Mutter, und ich hörte die Angst in ihrer Stimme. Lauft! Lauft um euer Leben!

Wir rannten. Mein Atem ging schnell, aber es war eine Qual, die bittere Luft zu atmen, die der Qualm graugelb gefärbt hatte. Und so schnell unsere Pfoten uns auch trugen, das Feuer holte immer mehr auf. Wir sprinteten aus dem Wald heraus, auf eine Wiese – hier fand das Feuer vielleicht nicht so viel Futter, Holz war hier keins, vielleicht waren wir hier sicher?

Nein, waren wir nicht. Der nächste Windstoß ließ die Flammen über das Gras huschen. Sie liefen so geschmeidig darüber, als seien sie fließendes Wasser … und hinterließen nur Schwarz, wo zuvor Grün gewesen war.

Als Funken aus einem brennenden Busch hochsegelten, landeten ein paar davon auf Mias Fell. Wütend wirbelte meine große Schwester herum und fauchte das Feuer an. Lass uns in Ruhe, du verdammter Baumfresser!

Hör auf, wir müssen weiter, schrie unsere Mutter sie an.

Zornfunkelnd wandte sich Mia zu ihr um. Ach, und was bringt das, einfach nur weiterzulaufen? Wenn wir so weitermachen, sind wir bald tot! Wir müssen planen, wo wir hinwollen.

Es war selten, dass Mia unsere Mutter so herausforderte, meist war ich es, der auf ungewöhnliche Ideen kam. Verblüfft starrte ich meine große Schwester an.

Ich führe uns schon quer zur Windrichtung, stieß unsere immer so vernünftige Mutter hervor. Auf diese Art können wir vielleicht …

Das reicht nicht, brüllte uns Mia an. Wir müssen zum Wasser! Gibt es hier irgendwo welches, Mama? Mia war die einzige in der Familie, die Wasser mochte und in ihrer Menschgestalt sogar freiwillig schwamm.

Ich kenne einen See, aber er ist ein Stück weg, antwortete Nimca.

Nichts wie hin, sagte ich und miaute schmerzerfüllt auf, als ich auf ein glühendes Aststück trat. Aber das gewaltige Brausen des Feuers jagte mir eine solche Angst ein, dass ich den Schmerz vergaß und neben Nimca und Mia entlangjagte.

Vor uns erkannten wir ein graues, mit einem weißen Strich verziertes Band, das durch den Wald führte. Eine Straße. Obwohl meine Mutter die Dinger eigentlich nicht mochte, rannte sie diesmal freudig darauf zu. Die gibt uns einen Vorsprung, keuchte Nimca erleichtert und hielt auf der anderen Seite der Straße an. Das graue Zeug brennt nicht, und wenn wir Glück haben, kommt das Feuer da nicht rüber.

Ihre Flanken hoben und senkten sich, als sie versuchte, wieder zu Atem zu kommen.

Kannst du noch laufen?, fragte ich sie und schmiegte mich an sie.

Ja, geht gleich wieder. Sie warf mir einen besorgten Blick zu. Und was ist mit dir, Carag?

Nur ein bisschen Pfotenweh, log ich und schleckte mir die Tatze. Verdammt, auf dem Ballen hatte sich eine fette Brandblase gebildet.

Nervös warteten wir, ob die Straße das Feuer aufhalten konnte. Tatsächlich, dort stockten die Flammen, weil sie kein Futter fanden. Wir atmeten alle drei auf. Doch dann sah ich entsetzt, wie der Wind Funken und glühende Rindenstücke auf die andere Seite trug. Würden sie dort bald das trockene Unterholz entzünden? Nein, nein, bitte nicht, flehte meine Mutter, doch anscheinend hörte ihr der Wind nicht zu. Unsere Flucht war noch nicht zu Ende!

Wir zuckten alle zusammen, als aus dem Qualm ein Auto auftauchte. Auf der Ladefläche war jede Menge Kram gestapelt und innen war der Wagen voll besetzt mit Leuten, die Helme und gelbe Jacken trugen. Kurz darauf hörte ich auch noch das Knattern einer dieser Riesenlibellen, die man Hubschrauber nannte.

Jetzt kommen die Menschen mit ihrer Magie, jubelte ich. Wetten, die helfen uns?

Mia schubste mich. Du immer mit deinen Menschen! Magie oder nicht, wir müssen jetzt zum Wasser, sonst …

Platsch! Da hatten wir unser Wasser, aber wir hätten nicht damit gerechnet, dass es von oben kommen würde. Einen Moment lang fühlte es sich so an, als würden wir unter einem Wasserfall stehen, dann war der Guss auch schon wieder vorbei. Völlig verblüfft, mit durchtränktem Fell und tropfenden Tasthaaren, blickten Nimca, Mia und ich uns an.

Das muss der Hubschrauber abgeworfen haben, sagte unsere Mutter und schüttelte sich. Sowas habe ich schon mal von weitem gesehen.

Die Art von Magie mag ich nicht so sehr, musste ich zugeben.

Sei nicht blöd, Carag, sie haben uns einen Gefallen getan, schimpfte Mia, und tatsächlich, das nasse Fell machte es ein wenig leichter, die Hitze zu ertragen. Leider hatte der Schwall nicht ausgereicht, um die lodernden Bäume zu löschen … und dann schafften es die Flammen, die Straße zu überwinden. Aus einem fliegenden Funken entstand ein Flämmchen auf unserer Seite, das rasend schnell zu einem ausgewachsenen Brand wurde. Mit dampfendem Pelz, der in der Hitze schneller trocknete, als uns lieb war, rannten wir wieder los.

Meine Pfote schmerzte immer fieser, und schließlich konnte ich mein Hinken nicht mehr verbergen. Mia und Nimca blieben neben mir, aber ich spürte, wie nervös es sie machte, dass ich langsamer wurde. Nur noch ein kleines Stück, wir haben es gleich geschafft, feuerte Mia mich an.

Stimmt … falls der Teich nicht ausgetrocknet ist, meinte Nimca.

Verzweifelt blickten wir sie an. Was? Das Ding trocknet manchmal aus?

Ach, nur manchmal, wenn es lange nicht geregnet hat, fügte unsere Mutter schnell hinzu.

Ein letzter Sprint brachte uns auf eine sumpfige Lichtung, und ich sah den von Schilf umgebenen Teich in ihrer Mitte sofort. Oh, schon besetzt, ging es mir durch den Kopf.

Eine achtköpfige Wapiti-Herde hatte die gleiche Idee gehabt wie wir und war tief hineingewatet, um darin Schutz zu suchen. Misstrauisch starrten wir uns gegenseitig an. Dann bewegten die Wapitis sich zur einen Seite des Sees und wir drei uns zur anderen. Appetit hatte ich in diesem Moment wirklich keinen!

Einen Moment lang belauerten wir uns noch gegenseitig, dann starrten wir wieder alle zum Rand der Lichtung und sahen beklommen zu, wie unser gemeinsamer Feind sich näherte.

Schlamm und Wasser kühlten meine Pfote. Oh, das fühlt sich wunderbar an, seufzte ich.

Davon kannst du gleich noch mehr haben, Carag, kündigte mir meine Mutter an. Wenn es zu heiß wird, müssen wir untertauchen.

Oh, toll, sagte ich schwach.

Immer näher kam das Feuer, sein Prasseln übertönte alle anderen Geräusche. Die sumpfige Wiese schien ihm nicht recht zu schmecken, aber schon bald stand der Wald um uns herum in Flammen und das Glühen kroch bis auf wenige Meter an uns heran. Die Luft war so heiß, dass sie mir bei jedem Atemzug fast die Lunge versengte. In Ufernähe wurde es zu heiß, und die Wapitis schwammen hinaus in die Mitte des Teichs. Wir folgten ihnen. Ich roch versengtes Fell, war es mein eigenes?

Untertauchen!, schrie uns unsere Mutter zu, und diesmal meckerte ich nicht herum. Ich hielt einfach die Luft an und zwang mich, meinen Kopf unter das Wasser zu senken. Immer wieder und wieder, bis das Feuer alles Fressbare in der Umgebung vertilgt hatte und weitergezogen war.

Wir blieben in diesem kleinen See, bis die Sonne unterging und das Feuer nur noch ein ferner rotgelber Schein am Horizont war. Dann schleppten wir uns völlig erschöpft, mit zitternden Beinen und zur Abwechslung mal frierend an Land.

Wäh, brachte Mia nur noch heraus.

Was ist, bist du auch auf einen Frosch getreten?, versuchte ich zu witzeln, aber niemand reagierte. Völlig erschöpft steckte sich meine nasse Mutter auf dem schwarzen Boden aus. Sie sah den Panthern, von denen sie uns mal erzählt hatte, täuschend ähnlich, als sie wieder auf die Beine kam.

Noch immer fühlte sich die verbrannte Erde warm an, aber immerhin nicht mehr heiß. Wir hatten es geschafft – und die Wapitis auch! Nach einer Weile wateten sie aus dem Wasser heraus, warfen uns einen letzten Blick zu und wanderten davon. Vielleicht irrte ich mich, aber es kam mir so vor, als würde eins von ihnen einen Abschiedsgruß schnauben.


Später sahen wir diese Wapitis noch einmal wieder, verzichteten aber darauf, sie zu jagen. Es verbindet irgendwie, wenn man mal im selben Teich gesessen hat.

Vielleicht würde ich Lou – die schließlich auch ein Wapiti war – mal davon erzählen, doch gerade war keine Zeit dafür. Wir hatten Verhalten in besonderen Fällen. Da mit dem Sommer auch die Saison der Buschfeuer nahte, übten wir in Zweiergruppen, wie man in der Wildnis ein Feuer ausbekommt, solange es noch klein ist. Und zwar ohne Feuerlöscher!

Lou und ich arbeiteten zusammen – sie in zweiter Gestalt als Wapiti, ich als blonder Junge mit grüngoldenen Augen. Noch vor kurzem wäre mir schon beim Gedanken, mit Lou in einem Team zu sein, fast das Herz stehengeblieben, doch manche Dinge ändern sich. Irgendeine Idee?, fragte sie mich und starrte ratlos auf die Flamme in der sandgefüllten Feuerschale. Ich könnte versuchen, sie aussabbern …

Ich musste grinsen. „Falls deine Spucke dafür reicht. Schau mal die Kräuter da vorne, läuft dir jetzt das Wasser im Maul zusammen?“

Mmmh ja, die sehen lecker aus, gab Lou zurück und versuchte es mit der Spucke. Es zischte ein bisschen, die Flamme flackerte, doch mehr passierte nicht. Wir brauchten eine andere Idee.

Ich kratzte mich am Kopf und ließ den Blick über die Gegenstände gleiten, die im Innenhof herumlagen. Darunter waren Steine und ein großer Ast. „Vielleicht können wir die Flammen totschlagen.“

Holla – mir war gar nicht klar, dass du SO brutal bist, witzelte Lou zurück.

„Nur an Donnerstagen“, sagte ich, schnappte mir den Ast und drosch damit auf die Flamme ein. Na also. Der Ast war zwar kaputt, aber dafür hatten wir die Flamme erledigt. Lou streckte den Vorderhuf aus, damit wir uns abklatschen konnten.

Holly und Brandon waren noch nicht ganz so weit.

„Weiter so“, ermutigte Bridger meine Freundin, die als Rothörnchen versuchte, mit ihren kleinen Pfoten ihr bei der Verwandlung abgelegtes T-Shirt über die Schale mit der Flamme zu ziehen. „Manchmal kann man das Feuer tatsächlich ersticken, wenn man ihm den Sauerstoff abschnei …“

Das T-Shirt kohlte an den Rändern an und ging dann in Flammen auf. Wild herumtanzend versuchte Holly, Teile davon zu retten. Bei der wurmstichigen Nuss, hör sofort auf, du Scheißfeuer! Ich mach dich alle! Ich mach dir Sintflut!

Das Feuer war nicht beeindruckt.

„Lass mich lieber mal, Holly“, meinte Brandon ein bisschen gönnerhaft. „Schließlich hab ich mein Praktikum bei der Feuerwehr gemacht.“ Mit Mr Bridgers Erlaubnis verwandelte er sich, bewegte seinen massigen Körper zur Feuerschale hin und stampfte die Flamme mit den Hufen aus.

James Bridger nickte ihm zu. „Hat diesmal funktioniert, aber wenn die Flamme zu groß ist und du dein Fell in Brand steckst, war´s das.“

Natürlich schielte ich immer wieder zu Tikaani hinüber, die nicht als Polarwölfin, sondern in Menschengestalt mit ihrem Rudelgefährten Bo zusammenarbeitete. Tikaani, meine Gefährtin. Ich konnte es noch immer kaum glauben. Bisher wusste niemand davon, wie würden die anderen reagieren, wenn sie es erfuhren?

Auch Tikaani kam schließlich auf die Idee, die Flamme mit den Stiefeln auszutreten. Geschafft! Sie schaute zu mir hinüber und schenkte mir ein heimliches Lächeln, das ich ebenso verstohlen erwiderte.

Das andere Wolfs-Team taten so, als würde die ganze Übung sie furchtbar langweilen. Cliff als Wolf hob einfach das Bein in Richtung der Übungsflamme, und Jeffrey öffnete als Mensch in gleicher Absicht den Reißverschluss seiner Hose. Leider zielten sie beide nicht besonders genau, weil sie Angst hatten, sich gegenseitig zu treffen. Das Feuer in ihrer Schale wurde größer und größer.

Katzendreck!, murmelte Jeffrey.

Oh, wie nett. Seit mein Vater an unserer Schule Tiersprachen unterrichtet hatte, mochte Jeffrey Pumas noch ein bisschen weniger, denn Xamber hatte sich nichts von ihm bieten lassen. Doch inzwischen war mein Vater trotz Lissa Clearwaters Vorschlag, noch zu bleiben, in sein Revier zurückgekehrt. Leider.

Darf ich euch helfen?, fragte Brandon die Wölfe und wartete nicht auf die Antwort. Er legte los, und die Flamme kapitulierte vor seinem gewaltigen gelben Schwall. Mehrere Schüler johlten und applaudierten, obwohl ein ziemlicher Gestank vom Feuer aufstieg.

„Ihr wisst schon, dass ihr nachher hier aufräumen müsst?“, sagte James Bridger.

Die betroffenen Teammitglieder stöhnten auf, und Jeffrey schimpfte in Brandons Richtung: „Du wolliger Klotz, was hast du verdammt nochmal angerichtet?“

Miro ging als Menschenjunge auf alle viere und schnupperte höchst interessiert an den Duftmarken. „Nee, nee, lass mal“, murmelte Cliff und zog ihn am Arm wieder hoch. „Sowas macht man als Mensch nicht, okay?“

„Okay“, sagte unser Jungwolf gehorsam und ging zurück zu seinem eigenen Team. Mit Leroy hatte er einen guten Partner erwischt. Unser Stinktier-Wandler scharrte mit seinen kurzen, aber kräftigen Beinchen einfach Sand auf das Feuer, schon war es aus. Erleichtert machten alle anderen, deren Feuer noch brannte, es ihm nach.

So richtig konnte ich mich über ihren Erfolg nicht freuen. Unser Feind war in diesem Sommer nicht nur das Feuer, sondern vor allem Andrew Milling. Den ganzen Monat lang hatten seine ihm treu ergebenen Woodwalker Anschläge gegen die Menschen verübt, was einige Verletzte und sogar Todesopfer gefordert hatte. Und das war leider nur der Anfang, dieser verdammte Puma-Wandler hatte etwas sehr viel Schlimmeres vor. Frankie hatte in einem von Millings Stützpunkten herausgefunden, dass der Große Tag der Rache im Juni stattfinden sollte.

Und seit gestern hatten wir Juni.


Warten auf den Ernstfall[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auch die anderen hatten das Datum nicht vergessen. „Es könnte schon morgen soweit sein“, stöhnte Dorian beim Abendessen. „Was ist, wenn er schon heute Nacht losschlägt und wir es erstmal nicht merken? Vielleicht ist es dann zu spät, um was auch immer zu verhindern.“

„Mir wird schon beim Gedanken an diesen beknackten Großen Tag schlecht“, sagte Holly und schob ihren Teller weg, obwohl es Pilzomelette gab, eins ihrer Lieblingsessen.

Auch mir war mulmig zumute, aber ich verputzte trotzdem den Rest meines Rühreis mit Speck. „Stimmt, wir brauchen einen Plan“, sagte ich.

Doch mit dem Plänemachen war uns zum Glück jemand zuvorgekommen. Wir sahen, wie Lissa Clearwater vom Lehrertisch aufstand, sie schlug den Löffel gegen ihr Glas. Als der klare Ton durch die Cafeteria hallte, verstummten alle Gespräche. „Ihr habt inzwischen alle von Mr Millings Racheplänen gehört“, begann sie. „Noch wissen wir nicht, was er an seinem Großen Tag plant. Aber der Rat konnte eine Botschaft abfangen, deren Echtheit inzwischen bestätigt ist. Durch sie wissen wir, dass seine Rache-Aktionen in ganz Nordamerika stattfinden werden, seine Pläne für Mittel- und Südamerika hat er anscheinend vorerst fallenlassen. Auch auf den anderen Kontinenten ist anscheinend nichts geplant.“

Wenigstens etwas, ging es mir durch den Kopf.

„Wir werden Sicherheitmaßnahmen ergreifen müssen“, fuhr Lissa Clearwater fort. „Um die Menschen vor dem Schlimmsten zu bewahren und um unsere Schule zu schützen. Milling  weiß längst, dass viele Schüler, mein Kollegium und ich nicht mehr auf seiner Seite sind. Vielleicht versucht er, uns an der Verteidigung der Menschen zu hindern.“

Gespannt warteten wir.

„Ab heute Nacht beginnen wir mit Patrouillen, jeweils zwei einzeln agierende Lehrer und zwei Schülerteams werden auf ungewöhnliche Aktivitäten in Jackson Hole achten. Rund um die Uhr wird außerdem mindestens ein Schülerteam die Umgebung der Clearwater High durchstreifen, dazu werden zwei Wachtposten im und auf dem Gebäude postiert. Die Einteilung für diese Dienste gebe ich heute noch bekannt.“

Ich wartete darauf, dass Miss Clearwater fragte, wer sich freiwillig für diese Patrouillen und Wachen meldete, doch sie tat es nicht.

Schüchtern hob Nimble, unser Kaninchen-Wandler, die Hand. „Sichern wir die Schule irgendwie? Ich meine, äh, vielleicht mit Sandsäcken oder so?“

Frankie, der Otter-Wandler, grinste. „Hm, ich glaube nicht, dass Andrew Milling eine Überschwemmung plant.“

„In der Tat, wir werden die Schule auf einen Ernstfall vorbereiten“, bestätigte Lissa Clearwater. „Allerdings will ich, dass der Unterricht vorerst weiterläuft, das heißt, wir werden einiges am kommenden Wochenende erledigen. Die Details spreche ich mit den Lehrern ab, wir haben nachher noch eine Sitzung.“

Heute war Donnerstag. Mir wäre es lieber gewesen, sie hätte sofort begonnen, die Schule in eine Festung zu verwandeln. Doch obwohl ich unserer Schulleiterin gerade erst das Leben gerettet hatte, wartete sie sicher nicht auf bahnbrechende Tipps von einem nicht mal ausgewachsenen Puma-Wandler.

„Das ist die größte Herausforderung, vor der wir jemals gestanden haben“, fügte mein Lieblingslehrer James Bridger hinzu, er wirkte besorgt, aber entschlossen. „Zum Glück haben wir viele verschiedene Wandler an dieser Schule, jeder mit anderen Talenten. Ich bin überzeugt, gemeinsam schaffen wir das!“ Sein Blick wanderte zu mir, und ich sah die Wärme in seinen Augen. Ich lächelte mit den Augen zurück. Ja, auf mich konnte er sich verlassen, und das wusste er.

Ein Fichtenmarder-Wandler aus dem dritten Schuljahr hob die Hand. „Wieso vertrauen Sie nicht einfach darauf, dass Andrew Milling das Richtige tut?“, fragte er laut und deutlich.

Ups. Das mit dem „gemeinsam schaffen“ war wohl eher Wunschdenken gewesen. Mir wurde klar, warum Miss Clearwater nicht um Freiwillige für die Patrouillen gebeten hatte.

„Ja, genau, das wollte ich auch gerade fragen“, erhob Bo aus dem Wolfsrudel empört die Stimme. „Er will, dass Menschen aufhören, Tiere zu jagen, was ist daran denn schlecht? Leute wie Sie verhindern, dass es in unserem Land einmal gerechter zugeht!“

Das war ganz schön dreist. Ich war gespannt, wie Lissa Clearwater reagieren würde. Doch nicht sie war es, die antwortete, sondern Sarah Calloway, unsere Menschenkunde-Lehrerin. Sie trug hochhackige Schuhe, in denen ich keinen Schritt hätte laufen können, und ihre langen, dunkelbraunrötlichen Haare schimmerten fast so seidig wie ihr grünes Kleid. „Denkt bitte nach, Leute … mit seinem Großen Tag kann er nicht verhindern, dass weiterhin Tiere gejagt werden“, sagte sie. „Er ist voller Hass und will Rache … ich fürchte, nur darum geht es gerade.“

Manche nickten, andere verzogen keine Miene. Miss Calloway wandte sich wieder ihrem  Kaffee zu, und ich sah, wie Bill Brighteye ihre Hand nahm und ihr verliebt in die Augen blickte.

Das gleiche wollte ich mit Tikaani tun, doch sie hing wie immer mit ihrem verdammten Rudel herum. Ich war nicht sicher, wie lange ich das noch aushalten würde!

Eine Weile diskutierte ich mit den anderen hitzig darüber, ob Miss Clearwater Waffen bestellen sollte, wen sie besser nicht auf Patrouille schickte und wie man die Schule gegen fliegende Wandler sichern konnte. Doch als ich sah, dass Tikaani aufstand und in Richtung Toilette strebte, verabschiedete ich mich und tat so, als würde ich zu meinem Zimmer gehen.

Als mich die Polarwölfin sah, reichte ein Blick, um sich abzusprechen. Vor der Toilette bogen wir ab und checkten, ob einer der Computerräume in der Nähe frei war. Ja, im kleineren war gerade niemand. Wir gingen hinein und lehnten uns von drinnen gegen die Tür, damit uns niemand überraschen konnte. Von innen abschließen konnte man den Raum nämlich nicht. „Und, sind wir ein Patrouillen-Team?“, fragte ich Tikaani, während fünf dunkle Bildschirme uns beobachteten. Unsere Arme berührten sich, und das fühlte sich verdammt gut an.

„Klar doch“, sagte Tikaani, und ihren indianisch schwarzen Augen schien ein Funke zu glühen.

„Aber bevor wir damit loslegen, rufen wir erstmal Sierra an“, sagte ich, und spürte die Unruhe im ganzen Körper. „Sie hat ja gesagt, sie hat irgendwo in Kalifornien eine Spur zu dieser Arula gefunden.“

Tikaani nickte. „Hoffentlich beeilt sie sich mit der verdammten Suche! Wenn Arula wirklich etwas weiß, was Millings großen Tag noch verhindern kann …“

Hier drin konnte uns keiner von Millings Fans belauschen, deshalb zog ich mein Handy hervor und ließ es die Nummer der jungen Wolfs-Wandlerin wählen.

„Hey, Carag“, begrüßte mich Sierra.„ Du willst bestimmt nicht wissen, wie es mir geht, was ich zum Frühstück hatte oder wie meine Eltern es finden, dass ich gerade die Schule schwänze?“

„Ähm, ja, am meisten würde mich interessieren, wo du gerade bist“, sagte ich. „Und ob du diese Luchs-Wandlerin schon gefunden hast.“

„Nein, aber ich bin dicht an ihr dran. Glaube ich.“

Aufgeregt blickten Tikaani und ich uns an.

„Ach ja, wo ich bin … San Francisco. Du glaubst nicht, was ich meinem Dad alles dafür versprechen musste, dass er mir das erlaubt hat.“ Sierra seufzte. „Also, ganz kurz, warum ich hier bin – ein Dachs, der Arula früher gekannt hat, hat mir verraten, sie sei in einer großen Stadt und hätte dort angeblich eine Art Ersatz-Opa kennengelernt, einen älteren Woodwalker, der ihr beibringt, was man in der Menschwelt wissen muss. Mehr wusste er auch nicht.“

„Aber wie bist du auf San Francisco gekommen?“, mischte sich Tikaani ein.

„Ich musste mehrere Städte abchecken, Los Angeles hat mich echt aufgehalten, das könnt ihr mir glauben! Überall Fehlanzeige. Aber hier in San Francisco hat mir Connie, ein Grauhörnchen, davon erzählt, dass mit einem Waldkauz-Wandler namens Mike Federlich etwas nicht stimmt. Er arbeitet als Fotograf, sie trifft ihn immer beim Einkaufen und beim Bingo.“

„Ja, und?“ Am liebsten hätte ich meine Finger teilverwandelt und die Krallen in irgendetwas hineingegraben.

„Aber in den letzten Monaten hat er sich verändert, auf einmal wirkt er vorsichtig, geht allen Bekannten aus dem Weg und kauft Sachen ein, die er selbst gar nicht mag. Als Connie ihn zum Spaß gefragt hat, ob er einen Gast hat, ist er zusammengezuckt und hatte es plötzlich eilig.“

„Das kann alle möglichen Gründe haben.“ Tikaani wirkte skeptisch.

„Ja, schon. Aber als ich ihm inkognito gefolgt bin, hab ich gemerkt, dass an seinen Klamotten eine ganz leichte Witterung nach Luchs hängt.“

Ich stieß mich von der Wand ab, meine Hand krampfte sich um das Gerät und ich merkte, dass mein Atem schneller ging. „Du meinst, er versteckt Arula vor Andrew Milling?“

„Kann sein.“ Sierra klang vorsichtig. „Eins ist sicher, sie muss seit Monaten in irgendeinem Versteck leben. Anscheinend weiß sie, dass Mister M sie von Scharen seiner Leute suchen lässt.“

Arula musste etwas verdammt Wichtiges über Andrew Milling wissen!

„Falls er sie nicht versteckt, weiß er vielleicht, wo sie ist“, fuhr Sierra fort, sie klang entschlossen. „Deshalb werde ich den Kerl ab jetzt Tag und Nacht beschatten.“

„Vielleicht könntest du ihn direkt auf Arula ansprechen“, schlug Tikaani vor.

„Lieber nicht, zu riskant“, gab Sierra zurück. „Was ist, wenn ihn das verschreckt? Hier kommt es darauf, der Beute aufzulauern, finde ich!“

„Stimmt … und sei bitte vorsichtig“, bekam ich noch raus, dann sagte Sierra „Ja ja, das sagt meine Mom auch immer. Muss los!“ und schon war die Verbindung weg.

Wir schwiegen einen Moment lang.

„Und falls das eine falsche Fährte ist?“, fragte Tikaani.

„Es ist keine“, sagte ich fest und hoffte von ganzem Herzen, dass es so war. Diese geheimnisvolle Arula war vielleicht unsere einzige Möglichkeit, Andrew Milling zu stoppen und seinen Großen Tag zu verhindern. Ohne sie hatten wir sehr bald ein Riesenproblem, denn wie sollten wir paar Woodwalker es schaffen, die Menschen gegen ihn und seine Leute zu verteidigen? Und uns selbst noch dazu?

Tikaani unterbrach meine Gedanken. „Mal ganz was anderes. Ich hab einen Vorschlag. Hast du auch genug davon, geheim zu halten, dass wir uns mögen?“

„O ja“, bestätigte ich.

Tikaani grinste noch breiter. „Wie wäre es, wenn wir morgen den ganzen Tag Händchen halten? Dann weiß es jeder und wir müssen nichts mehr groß erklären.“

Vor Schreck bekam ich einen Moment lang keine Luft, und peinlicherweise sprossen mir Tasthaare an den Wangen. Schnell sorgte ich dafür, dass sie verschwanden, dann schaffte ich ein Nicken und ein etwas erstickt klingendes „Gute Idee“.

„Na dann machen wir das“, meinte Tikaani, und ich bekam tatsächlich einen zärtlichen Blick ab. Yeah. „Schließlich sind wir bald Zweitjahres-Schüler. So gut wie erwachsen. Hast du eigentlich schon gehört, dass sich gerade eine neue Erstjahres-Klasse bildet? Unsere Nachfolger sozusagen, weil wir ja bald ins zweite Jahr kommen. Gestern habe ich schon zwei neue Schüler gesehen.“

„Was für Gestalten haben sie?“

„Soweit ich mitbekommen habe, sind es eine Maulwurf-Wandlerin aus Tennessee und ein Assel-Wandler hier aus Jackson. Beide wollten unbedingt Zimmer im Kellergeschoss.“

Einen Moment lang lachten wir zusammen, dann blickten wir uns in die Augen und Tikaani strich über meine Hand, ganz langsam und mit den Fingerspitzen. Leider versuchte ausgerechnet jetzt jemand, die Tür zu öffnen. Aus dem romantischen Moment wurde übergangslos ein peinlicher Moment, als eine Elster-Wandlerin aus dem zweiten Schuljahr sich hereindrängte und uns verdutzt beäugte. „Hm … ihr lernt hier gerade zusammen, oder?“

„Ja, genau“, sagte ich, dann drängten Tikaani und ich uns durch die Tür und flohen in verschiedene Richtungen. Hoffentlich brauchten wir uns bald nicht mehr heimlich zu treffen!

Aufgeregt erzählte ich Holly und Brandon von dem, was Sierra erzählt hatte.

„Es ist schon der Hammer, dass der Rat nicht etwas mehr tut“, regte Brandon sich auf. „Wenn du Sierra nicht gesagt hättest, sie soll nach dieser Arula suchen …“

„Ja, das ist irgendwie seltsam.“ Ich saß auf der Kante meines Bettes und starrte zum Fenster hinaus. „Aber wir erfahren natürlich nicht alles, was der Rat macht, wahrscheinlich laufen längst die Abwehrplanungen.“

„Was ist, wenn Sierra diese Arula findet, aber sie zu viel Angst hat, um uns zu helfen?“ Rastlos ging Holly im Raum hin und her. „O Mann, ich halte das nicht aus! Ich brauche jetzt ein paar Kiefernzapfen. Man sieht sich.“ Sie riss unser großes, rundes Fenster auf, verwandelte sich und hüpfte als Rothörnchen über die Granitblöcke davon.

Nachdem ich und Brandon eine Weile weiter diskutiert hatten, brauchten wir ebenfalls eine Pause. Nur dauerte die nicht sehr lange, weil kurz darauf Lissa Clearwater bei uns klopfte. Sie hob die Augenbrauen, als sie Hollys Sachen mitten auf unserem Zimmerboden liegen sah, meinte aber nur:  „Auf euch kann ich mich verlassen, das weiß ich. Carag, könntest du schon in dieser Nacht auf Patrouille gehen? Ich weiß, das ist viel verlangt, denn schließlich müsst ihr für die Abschlussprüfung lernen …“

Brandon entfernte unauffällig eine Musikzeitschrift von seinem Kopfkissen. Ich ließ meine rechte Hand inklusive Brandons Handy in meiner Hosentasche verschwinden. Blöderweise lief das Spiel darauf trotzdem weiter. Netterweise tat Miss Clearwater so, als würde sie nicht bemerken, dass meine Hose blinkte und piepte.

„… aber wir werden als Ausgleich bis zur Prüfung keine Noten mehr vergeben und euch mehr durchgehen lassen als sonst“, fuhr sie fort. „Ehrlich gesagt denke ich sogar darüber nach, die Prüfungen wegen dieser Bedrohung erstmal abzusagen. Aber die Drittjahres-Schüler sind dagegen, sie wollen schließlich im Herbst auf die normale High School wechseln.“

„Vielleicht schaffen wir es noch, den Großen Tag zu verhindern“, platzte Brandon heraus.

„Wie bitte?“ Lissa Clearwater starrte uns an. „Sagt mir sofort, was los ist!“

Es hatte keinen Sinn, es geheim zu halten. Ich erzählte ihr alles, was Sierra uns berichtet hatte. „Arula ist der Schlüssel“, sagte ich. „Wenn wir erfahren, was sie über Andrew Milling weiß, dann haben wir eine Chance, dass es gar nicht erst zum Blutvergießen kommt.“

Lissa Clearwater atmete tief durch, ihre bernsteinfarbenen Augen leuchten. „Du musst mir sofort berichten, wenn es etwas Neues gibt, Carag. Ich sage den Vorsitzenden des Rates Bescheid. Braucht Sierra Unterstützung, sollen wir weitere Leute zu ihr schicken?“

„Vielleicht braucht sie Hilfe bei der Beschattung“, meinte ich zögernd. „Aber wenn auf einmal Horden von Woodwalkern in San Francisco bei diesem Waldkauz-Wandler auftauchen, wird er vielleicht nervös und haut mit Arula ab.“

„Gut möglich.“ Nachdenklich blickte Miss Clearwater durch unser Fenster in die Ferne. „Na gut. Wir bewahren Ruhe, lassen uns die Schule nicht lahmlegen und bereiten uns auf mögliche Angriffe vor. Also, was ist nun mit dieser Patrouille?“ So kam es, dass ich kurz vor Mitternacht mit Tikaani durch den dunklen Sommerwald streifte, der vom würzigen Duft der Goldjohannisbeere erfüllt war. Wir wussten beide, wie wichtig unser Auftrag war, deshalb redeten wir wenig.

Angespannt und auf der Hut hielten Tikaani und ich mit unseren scharfen Sinnen Ausschau nach allem, was irgendwie ungewöhnlich und verdächtig war.

Aber wir hätten nie damit gerechnet, was wir vorfinden würden.


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